Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1395855
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DIE VENUS VON MILO. 
 
mehr auf den Reiz der Darstellung sinnlich schöner Formen 
ohne entschieden überwiegende Bedeutung des seelischen 
Elementes gerichtete ist, und auf die medizeische Venus 
hinweisen, bei welcher schon eine Gefallsüchtigkeit zu Tage 
tritt, welche von sinnlicher Lüsternheit sich nicht mehr 
allzufern hält. Die verschiedenen Zeitalter und Kunst- 
richtungen spiegeln sich in der Art wieder, in welcher 
dasselbe Grundmotiv eine wesentlich veränderte Behandlung 
findet: das äußere Motiv der Enthüllung wird immer 
schwächer, da die Scheu vor der Entblößung des weiblichen 
Körpers mit der steigenden Freude an der nackten Schönheit 
abnimmt; Hand in Hand geht die Abnahme der seelischen 
Hoheit des dargestellten Weibes. Will man nun die melische 
hoheitsvolle Frau als Venus bezeichnen, so wird gerade 
dieser Zusammenhang darlegen, daß das Grundmotiv eines 
die Annäherung eines Mannes nicht willkommen beißenden 
Weibes dem Begriffe einer Venus keineswegs notwendig 
widerspricht. Ebensowenig wird sich aber diese Bezeichnung 
als notwendig erweisen: ist es doch, da jedes andere Merk- 
mal fehlt, nur die überwältigende Schönheit und Hoheit, 
welche uns gerne in ihr eine Göttin erkennen lassen. Daß 
man aber schon vor der Zeit der melischen Statue ange- 
fangen hatte, auch nichtgöttliche und dennoch idealgestaltete 
Frauen in Einzeldarstellungen und zwar in dramatischer 
Auffassungsweise zu schaffen, zeigen die verwundeten 
Amazonen, die auf Phidias, Kresilas und Polyklet zurück- 
geführt werden und die uns wenigstens in dieser Beziehung 
in der Kunstgeschichte den Weg zur melischen Statue 
zeigen können, so daß sie auch nach rückwärts unter 
diesem Gesichtspunkte nicht ganz einsam mehr erscheintf 
Ergiebt diese Entwickelung ein richtiges Resultat, so 
fallen damit auch jene anderen Erklärungsversuche, welche 
zwar eine dramatische Aulfassungsweise anerkennen und 
infolge davon eine Gruppierung befürworten, diese jedoch 
dahin auffassen, Venus halte den in den Krieg eilenden 
' Eine weitere Ausführung dieser Motiventwickelung und Belege 
dazu finden sich in meiner Schrift: Neues über die Venus von Milo. 
Leipzig, E. A. Seemann, 188;. S. 41-30.
        

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