Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1395772
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D112 VENUS von MILO. 
 
der Unterkörper zeigt das Bestreben, von links nach rechts 
zu weichen. Die Last des ganzen Körpers ruht auf dem 
rechten Beine. Aber die Hauptlinie des Standbeines ist 
keine senkrechte; sie geht vielmehr in starkem Bogen über 
den Fuß hinaus nach rechts (Taf. I, Fig. I), zugleich in 
entschiedenem Widerspruch mit der durch den anato- 
mischen Bau des Weibes indizierten Linie des rechten 
Unterschenkels nach links hin. Das linke Bein stützt sich 
auf den erhobenen Fuß und drängt das Knie möglichst 
weit nach vorn (Taf. I, 2; II, 4) und nach rechts (Taf. I, r). 
Nimmt man noch dazu die bei der Vorderansicht sich er- 
gebende steile Profillinie auf der linken Seite des Ober- 
körpers im kräftigen Gegensatz zu der gebogenen der rechten 
Seite und im Zusammenhange damit die hoch erhobene 
linke Schulter im Gegensatze zu der gesenkten, nach rechts 
und vorn gebeugten rechten Schulter (Taf. I, 2; II, 3), so er- 
giebt sich, daß die Bewegung eine komplizierte und eine 
energische ist, derart, daß das Zusammentreffen solcher 
Gegensätze nur denkbar ist in einem Augenblicke, welcher 
als Übergang aus einer Lage in die andere aufzufassen ist, 
nicht aber als ein augenblicklichen" Zustand, in Welchem 
der Körper verharren könnte: somit ist die Darstellungs- 
weise die dramatische, nicht die typische. Da nun die 
Darstellungsweise sich als Folge aus dem Hauptmotiv er- 
giebt, so muß dieses selbst dramatischer Natur sein, d. h. 
der eigentliche Gegenstand der Darstellung ist ein einzelner, 
in seinem raschen Vorübereilen vom Künstler erfaßter und 
festgehaltener Augenblick aus einer Handlung, aus welchem 
wir uns Ursache und Folge zu ergänzen haben, um so 
den Verlauf der ganzen Handlung durch Übersetzung aus 
der an den Augenblick gefesselten Bildkunst in die sich in 
der Zeit bewegende Vorstellungsthätigkeit aufzubauen. 
Aus diesem Ergebnis folgt mit Notwendigkeit, daß 
alle diejenigen Attffassungsweisen und Ergänzungsversuche 
unrichtig sind, welche auf der Voraussetzung der typischen 
Darstellungsweise beruhen: sie treten mit dem aus der 
Art der Bewegung des Körpers mit Sicherheit folgenden 
Charakter des dramatischen Grundmotives in unlöslichen 
Widerspruch. Dahin gehören die Ergänzungsversuche,
        

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