Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1393481
 
TRACHT um) 
MODE. 
scheinung im Leben, daß die Anschauungen des Menschen 
um so freier, um so tinabhätigiger von seiner nächsten Um- 
gebung und den ihn ursprünglich beherrschenden Eindrücken 
werden, je mehr er selbst in den Verkehr der Menschen eintritt. 
NVer stets dieselbe Umgebung hat, bei dem kann es nicht 
ausbleiben, daß irgend welche bestimmte Richtung seiner 
Denkweise sich immer schärfer ausprägt, daß diese ein- 
seitige Richtung sich immer entschiedener in allem geltend 
macht, was er spricht und was er thut. Und je länger er 
sich in dieser einen Richtung bewegt, um so weniger wird 
er geneigt sein, sie aufzugeben, ja um so weniger wird er 
für andere Richtungen sich ein Verständnis erwerben oder 
erhalten können. Wenn nun aber die Kleidung recht 
eigentlich das Spiegelbild der Gesinnung der Menschen ist, 
so ergiebt sich als sehr natürlich, daß bei solchen sich ab- 
schließenden Menschen die Kleidung gleichfalls ein eigen- 
tümliches, sich gegen jede Veränderung sträubendes Gepräge 
erhält, daß sie, auch wenn sie ursprünglich nicht Trägerin 
einer bestimmten Bedeutung hatte sein sollen, doch allmäh- 
lich das Symbol dieser besonderen Gesinnungsweise und 
damit eine Tracht wird. Wer sich aber losreißt aus der 
beengenden Umgebung, wer eintritt in den machtvolleir 
Strom des Weltverkehrs, wer sich das Auge offen hält für 
das ihm neu Entgegentretende, der wird seine Denkweise 
nicht vorzeitig unter Dach bringen, der wird sie wohl- 
thätigem fremdem EinHusse offen halten, der wird zwar 
weniger scharf ausgeprägt sein in der Eigentümlichlteit seines 
Wesens, dafür aber auch weniger eckig, weniger unbe- 
holfen. Ist aber seine Gesinnung weltmiinnisch, wie wäre es 
nun noch möglich, daß er sich in der Kleidung eine Fessel, 
eine Abschließung auferlegte, die seine Gesinnung längst 
weggeworfen hat? Eine Tracht ist für ihn unmöglich: denn 
sie würde ihn als jemand kennzeichnen, der sich einseitig 
in einer einzelnen Richtung mit vorurteilsvoller Ausschlie- 
ßung jeder anderen Richtung bewegte. Wir sehen daher, 
daß an solchen Orten zuerst, wo der weltmäitnische Schliff 
sich erlangen läßt, zunächst in den großen Städten, die 
Trachten verdrängt werden, daß wie in den Gesinnungen, 
so auch in der Kleidung ein Ausgleich stattfindet, der ge-
        

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