Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1395724
Du: VENUS von MILO.  225 
gerufen sich verkörpert und die Gestalt bis ins Feinste 
mit alles beherrschendem Geiste durchdringt, so daß wir 
nicht nur fühlen, sondern erkennen, so habe es werden 
und wachsen müssen, wie ein Naturwerk unter eben solchen 
Bedingungen mit Notwendigkeit gewachsen wäre: so er- 
weitert sich nicht nur die Kenntnis des Kunstwerkes selbst, 
so daß sie eigentlich erst eine vollständige wird,  es ist 
vielmehr auch der einzige Weg, dem großen unbekannten 
Menschen, der solches geschaffen, näher zu kommen und ihn 
genauer kennen zu lernen, als wir es durch Überlieferung von 
Namen und Schule hätten erreichen können. Dieser Mensch 
aber muß ein großer Künstler gewesen sein, und wollen wir 
sein Werk beurteilen, so dürfen wir für seine Entstehung 
nur solche Beweggründe gelten lassen, die eines großen 
Künstlers würdig sind. 
jeder Künstler wird, wenn er schafft, von mancherlei 
Gründen bewegt, das, was er schafft, gerade so und nicht 
anders zu machen. Häufiger vielleicht noch, als man denkt, 
wird er äußere Gründe walten lassen, Rücksichten nicht 
nur auf das Material, auf den Ort der Aufstellung, sondern 
auch auf hundert Zufälligkeiten, welche die äußere An- 
ordnung betreffen: er wird die eine Stellung der anderen 
vorziehen, weil sie besser aussieht, er wird ein Motiv im 
Gewande bevorzugen, weil es sich gut macht, er wird 
einem Arme, einem Beine eben diese Stellung geben, nicht 
weil er sich etwas dabei denkt, sondern weil es poetischer 
oder geistvoller oder sonst irgend etwas erscheint. Solche 
Rücksichten pHegt man vkünstlerischea zu nennen  nun- 
künstlerischerr wäre jedoch der richtigere Namen. Bei dem 
echten Künstler, dem wahrhaft großen, entstehen die Ge- 
stalten anders. Ein Hauptmotiv ist es, welches den Keim- 
punkt bildet, aus welchem mit Notwendigkeit die Gestalt 
erwächst. Gleich dem belebenden Safte durchrinnt es alle 
Glieder und macht sie zum Dienste des Hauptmotives leben- 
dig, so daß dieses in jeder Bewegung, in jeder Linie sich 
ausspricht, und dadurch daß es überall durchleuchtet, als 
das gestaltende Prinzip, als der eigentliche Gegenstand der 
Darstellung zur Empfindung kommt. jene Nebenrücksichten 
wird der große Künstler beim Hervorwachsenlassen der 
Vl-Lrr VALENTIN. I;
        

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