Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1395711
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DIE 
VON 
VENUS 
MILO. 
etwa 5200 Francs erkaufte Statue in französischen Besitz und 
als des Marquis Geschenk in das Musäe National in Paris. 
Ehe dies jedoch geschah, verging noch geraume Zeit. 
Als 0b die Göttin noch einmal ihr altes Gebiet habe durch- 
streifen sollen, ehe sie auf immer den heimischen heiteren 
Gefilden entführt würde, ging das Schiff, welches sie trug, 
über Rhodos nach Cypern, besuchte von da Alexandria 
und kehrte dann in den Piraeus zurück. Hier in Athen, 
dem Orte, wo sie vielleicht geschaffen worden, enthüllte 
sie dem alten französischen Archäologen Fauvel ihre Schön- 
heit. Dann fuhr sie wieder über Alexandria nach Smyrna, 
von wo sie, auf ein anderes Schiff gebracht, nach Konstan- 
tinopel ging, um ihren neuen Gebieter, den Marquis de 
Riviere, abzuholen und mit ihm ihren Einzug in Frankreich 
zu halten. Noch einmal wurde in Milo Halt gemacht, dann 
ging's dem Ziele entgegen, wo sie denn endlich, nach einer 
mehr als halbjährigen Kreuz- und Querfahrt, ohne weiteren 
Unfall ankam. 1821 wurde sie im Louvre aufgestellt und 
wäre sicher nicht mehr aus ihrer Ruhe aufgeschreckt worden, 
wenn nicht 1870 die nHorden von Kantianern und Hege- 
lianerna sich unterstanden hätten, das arme unschuldige 
Frankreich zu überfallen. Da wurde sie, in eine Kiste gelegt, 
in den Keller der Präfektur geHüchtet und überstand dort 
unversehrt die doppelte Belagerung von Paris und den 
Brand des Präfekturgebätrdes. Seit dem Iuni 1871 steht 
sie wieder im Louvre, aufs neue ein Zielpunkt andachts- 
voller Wallfahrt, ein Gegenstand ebenso einmütiger Be- 
wunderung wie vielfältiger Erklärung. 
Denn in der That genügt es dem grübelnden Forscher- 
geiste nicht, in helle Bewunderung aufzufiatnmen: er 
möchte sich der Berechtigung dazu bewußt werden, er 
möchte sich Rechenschaft über den Grund der Empfindung 
ablegen, um, wenn er zu einer tieferen Erkenntnis durchge- 
drungen, darin einen neuen Anlaß für seine Bewunderung 
zu finden. Gelingt es, die Absichten des Künstlers ganz 
zu erkennen, sie in jeder Linie, in jedem Zuge nachklingen 
zu fühlen, ihn auf dem Wege der Entstehung bis zum 
kleinsten Motive der Ausführung zu begleiten, der Schöpfung 
nachzugehen, wie sie von einem mächtigen Willen wach-
        

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