Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1395505
MORITZ von Scnwmn. 
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hervor. Die gereifte Lebenserfahrung kann sich nicht mehr 
mit der lieblich-friedlichen Idylle begnügen. So wie im Leben 
feindliche Mächte, Mißgunst, Neid, Eifersucht heranstürmen, 
so spiegelt sich das in den Kunstgestaltungen wieder, die 
eben dadurch, trotz dem um sie gewobenen Märchenschleier, 
an Lebenswahrheit gewinnen, uns tiefer ans Herz greifen, 
unsere Sympathie lebendiger wecken. Aber überall siegt 
doch die Liebe: der Neid der Schwestern, die Eifersucht 
der Schwiegermutter, die Mißgunst der beleidigten Fee  
alles wird siegreich überwunden, aber freilich in erster 
Linie durch die von außen kommende Hilfe wohlthätiger 
Mächte. Viel tiefer in das Menschenherz und in es allein 
wird die Entscheidung bei dem nMärchen von den sieben 
Rabena (N. 715-720; 577-583) gelegt: hier ist es die Treue 
der Tochter, welche das Unrecht der Mutter sühnen und 
wieder gut machen will, die Treue der Schwester, welche 
die Brüder in ihrer Not nicht verlassen kann und die 
lieber das Härteste erleiden, lieber den königlichen Ge- 
mahl an sich irre werden lassen und lieber den Scheiter- 
haufen besteigen will, als daß sie ihr Treuwort bricht. 
Damit betritt der Künstler das ethische Gebiet, das dem 
gereiften Manne jetzt als das allein würdige Gebiet für eine 
so umfassende Schöpfung erscheint: das nMiirchen von den 
sieben Rabena wird 1857 geschaffen. Es ist keine Frage, daß 
gerade dieser ethische Gehalt dem wundervollerfundenen 
und gestalteten Werk eben jene tiefere Bedeutung verleiht, 
welche es zu einem Lieblingswerk des deutschen Volkes 
gemacht hat. Hier bewundern wir nicht nur die Erfindungs- 
gabe des dichtenden Meisters, nicht nur die Erfindung und 
Gestaltung der Menschen und der Situationen, nicht nur 
die Schönheit der Zeichnung und die feine Stimmung des 
Farbentones in seinen jeweiligen Beziehungen zum beson- 
deren Gegenstande  wir fühlen uns mitten in den Kampf 
einer Menschenseele hineingestellt, die, selbst unschuldig, 
die Schuld anderer auf sich nimmt, und deren Schicksal 
uns obendrein eine Herzenssache wird. Und mit welchem 
dramatischen Geschicke weiß der Künstler das Schicksal 
der treuen Schwester immer tragischer zu gestalten und 
dabei doch nie den Faden zu verlieren, an dem er uns mit
        

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