Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1393435
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sein sollte als die Kleidung anderer Zeiten, da nachweisbar 
der Einfluß der französischen Tragweise schon im drei- 
zehnten Jahrhundert um sich greift und zur Zeit des glän- 
zenden Franz I. schon sehr weit gediehen war, und doch 
könnte Gretchens Anzug als deutsche Tracht nur dann 
einen Sinn haben, wenn es wirklich ein rein deutsches 
Erzeugnis wäre und zugleich die deutsche V olkstümlichkeit 
unverkennbar charakterisierte. Aber vielleicht sind nur die 
Einzelforderungen unrichtig, und es handelt sich nur darum, 
daß noch die richtige Art der Kleidung gefunden wird, 
die alsdann befähigt wäre, Nationaltracht zu werden. Somit 
ist die Hauptfrage die: Ist jetzt, da wir ein einiges und 
wir dürfen auch sagen ein großes Volk geworden sind, 
ist jetzt das Verlangen nach einer Nationaltracht ein be- 
rechtigtes? Brauchen wir uns doch nicht mehr zu schämen 
Deutsche zu sein, dürfen wir uns dessen doch sogar rühmen, 
und wessen man sich zu rühmen hat, das läßt man auch 
gerne recht deutlich erkennbar hervortreten. Von dieser 
Seite ist das Verlangen gewiß ein berechtigtes; aber es 
hat noch eine andere Seite, und diese ist das Verhältnis 
der Kleidung zu der kulturgeschichtlichen Entwickelung 
eines Volkes und der Menschen überhaupt. Und dies ist 
der Punkt, welchen wir etwas näher betrachten wollen. 
Wer sich kleidet, will sich entweder schützen, oder er 
will sich schmücken, oder aber er will sich zugleich schützen 
und schmücken. Es kann leicht den Anschein haben, als 
ob das Verlangen nach Schutz der erste Anlaß zur Kleidung 
gewesen wäre. Allein wenn wir als gewiß annehmen 
dürfen, daß der Mensch seinen Ursprung nur im warmen 
Klima nehmen konnte, von dem aus er sich erst allmählich 
weiter verbreitete, so empfand er nicht das Bedürfnis des 
Schutzes zuerst. Man wird vielmehr sagen müssen, daß 
die Anlegung des Schmuckes es war, wodurch er sich das 
erste Zeugnis seiner Stellung über den andern Tieren 
ausstellte. Von allen Tieren vermag es nämlich nur ein 
einziges, die Vorstellung seiner selbst mit der Vorstellung 
eines außer ihm befindlichen Gegenstandes zu verbinden, 
und dieser Verbindung von Vorstellungen dadurch Ausdruck 
zu geben, daß es sich diesen Gegenstand anheftet. Und
        

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