Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1395176
174 ADRIAN LUDWIG RICHTER. 
Nebenwerk ist nur Erläuterung und erhält nur so weit Raum, 
als es zum Verständnis der Hauptsache notwendig ist. So 
wird die Darstellung eine Bilderschrift, bei der es auf Deut- 
lichkeit, keineswegs aber auf Schönheit ankommt und noch 
viel weniger auf Naturwahrheit oder gar auf Wahrschein- 
lichkeit. Erst sehr allmählich erwacht im Schreiber und 
Beschreiber der Künstler, der neben der Deutlichkeit auch 
eine ästhetische Wirkung erzielen möchte, und erst jetzt 
drängt sich das Streben nach Wahrscheinlichkeit der Er- 
scheinung, nach Schönheit der Darstellung herein. Zuerst 
erscheint dies bei der Darstellung der Nebensachen: sie 
unterliegen nicht der heiligen Überlieferung, sie lassen daher 
demKünstlerzuerstdieFreiheit,seinepersönlicheAtiffassungs- 
weise, seine Art zu empfinden zum Ausdruck zu bringen. 
S0 entsteht allmählich das Bild im ästhetischem Sinne des 
Wortes, dessen Zentrum die Handlung oder die Persönlich- 
keit ist, um deren Wiedergabe es sich handelt. Aber auch 
in die Umgebung persönlicher oder unpersönlicher Art 
dringt ein neuer Zug ein. Da werden Nebenpersonen mit 
bekannten, dem Leben getreu nachgebildeten Köpfen aus- 
gestattet, da wird die Ortlichkeit nach einem Vorbilde 
geschaffen, das dem Beschauer vertraut ist, da wird die 
Landschaft mit Tieren bevölkert, da werden Geräte, Stoffe 
mit größter Wahrheit und Treue wiedergegeben. Noch 
ein Schritt, und diese ursprünglichen Nebensachen werden 
dem Künstler die Hauptsache. Von diesem Augenblick an 
stehen ihm zwei Wege offen. Entweder wird die Haupt- 
handlung noch beibehalten, wird aber in der Ausführung 
und im Verhältnis zu der jetzt Hauptsache gewordenen 
Umgebung nebensächlich behandelt, sie wird Staffage; oder 
sie wird ganz beseitigt, und die so frei gewordenen tirsprüng- 
lichen Nebensachen gewinnen eigenes Leben, das nach allen 
Richtungen hin, welche in dem ursprünglichen Bilde gleich 
Keimen vorhanden waren, sich auch in besonderen künst- 
lerischen Schöpfungen verselbständigt. Die Persönlich- 
keit, die früher als Stifter auf dem Kirchenbilde erschien, 
die den Nebenfiguren zu ihrer Lebenswahrheit verhelfen 
durfte, sie wird jetzt selbständiges Bild: das Porträt wird 
ein besonderer Zweig der Kunst. Ebenso lösen sich das
        

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