Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394705
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Sie, die Titanin, die Halbgöttin, durfte sich wohl für be- 
rechtigt halten, einer ursprünglich Sterblichen gleich zu 
gelten, welche ihren erhöhten Ruhm nur dem Kinderpaare 
verdankte, welchem Niobe eine so viel reichere Kinderschai" 
gegenüberstellen konnte. Aber freilich hatte Leto ihre 
Kinder dem Zeus geboren, und die ihr geweihten göttlichen 
Ehren galten schließlich dem Vater der Götter und der 
Menschen. Und wenn sich nun Niobe diesen göttlichen 
Ehren widersetzte, wenn sie die Mutter des göttlichen 
Zwillingspaares durch scharfe Worte verletzte und stolz 
sich reicher pries, so überschritt sie das Maß ihrer Berech- 
tigung und verstieß damit gegen das Grundgesetz der 
antiken Lebensweisheit, die Maßhaltung, dessen Über- 
schreiten stets die Rache der Gottheit herausfordert: sie 
handelte Linbesonnen und mußte diese Unbesonnenheit 
schwer büßen, nicht durch eine entsprechende Strafe, wie 
sie der Richter verhängt hatte, sondern durch die das 
Maß ihrerseits überschreitende Rache, welche gerade da- 
durch der Niobe unsere Sympathie sichert und sie erst 
ganz zur tragischen Gestalt werden liißt. Sie wird nicht 
an der eignen Person gestraft, sondern sie muß die Blüte 
der Kinder, ihren Stolz und ihre Lust, dahinwelken sehen 
und wird so durch den unerwarteten und unaufhaltsamen 
Tod des Teuersten, was sie hat, schwerer getroffen, als 
es durch eine ihre Person selbst erreichende Strafe hätte 
geschehen können. Nicht körperlich ist ihr Schmerz: das 
Muttergefühl, die heiligste Empfindung der Seele, der die 
meiste Berechtigung auf Unverletzlichkeit innewohnt, wird 
schonungslos zermartert. Und dennoch beugt sich die 
stolze Seele nicht, der Titanenstolz weicht nicht aus ihrem 
Herzen, und wenn der heilige Mutterschmerz ihre Thränen 
in alle Ewigkeit Hießen läßt, so trotzt ihr tingebeugtei- 
Stolz ebenso in alle Ewigkeit im Steine fort. So legt 
denn auch der Künstler das Hauptgewicht auf die Mutter. 
Flehend und doch tingebeugt sucht ihr Blick die tinsicht- 
baren Gottheiten, vor deren Geschossen sie wenigstens 
die jüngste Tochter bewahren möchte, wßahrend rings um 
sie die Linschuldigen Opfer fallen oder, um den Schmerz 
der Ohnmächtigeta zu mehren, hilfesuchend auf sie zueilen.
        

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