Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394697
I26 DIE TRAGIK m WERKEN HELLENISCHER PLASTIK. 
Biß zu verhindern  es giebt keine Rettung. Mit welcher 
Kunst aber der Schmerz seinen Ausdruck gefunden hat, 
wie er in jedem Muskel bebt und den kraftvollen Mann 
überwindet, das bedarf hier keiner neuen Atlsführung. 
Für unsere Betrachtung genügt es zu zeigen, durch welche 
Mittel die Künstler eine tragische Wirkung erreichen 
wollten, und wie sie, dem Geschmacke ihrer Zeit folgend, 
zu Mitteln griffen, welche wohl Vorstufen der tragischen 
Empfindung, nicht aber diese selbst in ihrer höchsten 
Entwickelung hervorzurufen vermögen. 
Dies ist unter den statuarischen Gruppen, von welchen 
wir uns durch Überreste noch eine Anschauung machen 
können, überhaupt nur in einer einzigen vollständig der Fall 
gewesen, und zwar in der Niobegruppe. Diese geht aber 
in eine frühere Zeit zurück, welche der Wirksamkeit der 
großen Tragiker noch weit naher stand und in welcher 
besonders die Erregungen der Seele, wie sie Etiripides 
mit Vorliebe sich zum Ziele gesetzt hatte, auch in der 
Bildkunst ihre Verbreitung fanden. Geht doch die Poesie 
stets in der Weise der Bildkunst voran, daß in jener die 
lebhaften Bewegungen des Geistes und des Gemütes, die 
leidenschaftliche Erregung der Seele früher zu vollendetem 
Ausdrucke kommt und die langsamer folgende Schvvester- 
kunst erst allmählich in ihre Bahnen zwingt. So muten 
uns die Reste dieser großartigen Gruppe wie ein Wieder- 
aufleben der poetischen Kraft jener Beherrscher der Tragik 
an: der Geist ist derselbe, die Mittel des Ausdrucks sind 
andere geworden. Daß sie nicht geringerer Art gewesen 
sind, mag uns noch die herrliche Gestalt in dem illusw 
Pio-Clemenlirzo beweisen, die dem Originale sicher weit naher 
steht als die anderen uns erhaltenen, meist in Florenz be- 
findlichen Statuen: diese müssen wir uns in jene größere 
Formsprache zurückübersetzen, damit die Erscheinung die 
freie Trägerin des großen Geistes wird, der jetzt in dem 
nachgebildeten Werke gefesselt liegt und nicht zu voller 
Entfaltung kommt. Und wenn er uns dennoch mächtig 
ergreift, so legt dies ein hohes Zeugnis für seine ursprüng- 
liche Kraft und Größe ab. 
Das Schicksal der Niobe ist ein wahrhaft tragisches.
        

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