Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394670
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DIE TRAGIK 
NVERKEN 
PLASTIK. 
HELLENISCHER 
gehen. Nicht Laokoon der Verbrecher, wohl aber Laokoon 
der Vaterlandsverteidiger, der dennoch von der Gottheit 
zugunsten eines höheren Zieles getötet wird, damit der 
Schicksalsschluß erfüllt werde, dem er sich zwar ohne 
Wissen und Willen entgegenstellt, aber doch immerhin ent- 
gegenstellt, nur dieser Laokoon ist eine tragische Gestalt, 
deren Bedeutung noch dadurch erhöht wird, daß in den 
Untergang des Vaters auch noch die Kinder hineingezogen 
werden. ist so der Gegenstand zweifellos tragisch, so 
fragt es sich nun, was die Künstler daraus gemacht haben. 
Da ist zuerst der erschütterndste Zug vollständig un- 
beachtet gelassen worden, der Umstand, daß, da die Kinder 
mit dem Vater sterben, der Schmerz hierüber in der Seele 
des Vaters, den eignen Schmerz übertönend, wiederklingen 
muß. Für diesen Vater existiert nichts als sein eigner 
Schmerz, und zwar sein körperlicher: nichts in ihm laßt 
ahnen, daß seine Kinder neben ihm sterben und tödlich 
bedroht sind. Hierdurch haben sich die Künstler der 
reinsten und schönsten Wirkung begeben, um den Haupt- 
akzent auf die Darstellung des körperlichen Schmerzes zu 
legen, was allerdings meisterhaft geschehen ist. Damit ist 
der schwächste Punkt der Gruppe berührt: das seelische 
Leben wird nicht in Mitleidenschaft gezogen, und somit 
wird auch die tiefe seelische Wirkung nicht erreicht. Nur 
einmal ist es, als ob den Künstlern die Möglichkeit einer 
solchen aufdammerte: der noch tinverwtmdete altere Sohn 
schaut erschreckt auf den leidenden Xlater, aber naehr 
überrascht von dessen ungewohnter Schmerzensäußerting 
als tief ergriffen; ist doch auch die Seele eines Knaben 
nicht das Zentrum, in welchem alle Strahlen des Seelen- 
lebens zusammenströmen könnten. Und so zieht dieser 
Anteil des Knaben wie ein leiser Hauch über die Gruppe, 
während ein ganzer Sturm von Empfindungen sich in der 
Seele des Vaters hatte zusammendrängen müssen. Die 
Künstler haben so den Schwerpunkt ihrer Wirkung von 
der Seele in den Körper verlegt, der hier nicht Dolmetscher 
des inneren Lebens ist, sondern selbständige Bedeutung 
beansprucht. Sie haben eine tragische Empfindung durch 
Darstellung körperlichen Leidens erreichen wollen und
        

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