Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394651
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PLASTIK. 
ENISCHER 
angeregt und in Spannung gehalten wird, während bei den 
beiden anderen Personen die Lage eine derartig entschiedene 
ist, daß der weiterdichtenden Phantasie der Weg aufs be- 
stimmteste vorgezeichnet wird. Ließe man, wie es in 
neuerer Zeit versucht worden ist, die Möglichkeit einer 
wirklichen Rettung des älteren Knaben statt des bloßen 
Auftauchens des Gedankens an eine solche Möglichkeit zu, 
so ginge der Gruppe gerade das ergreifendste Moment, die 
Vernichtung der ganzen Familie, verloren. Es ist viel- 
mehr als ein Meisterzug in der Komposition zu bezeichnen, 
daß die Künstler es verstanden, neben der tinbedingteti 
Vernichtung des Einen, der eben vor sich gehenden Ver- 
nichtung des Zweiten, in der dritten Gestalt eine neue 
Form zu finden, in welcher die Vernichtung ebenso sicher 
ist, während durch den Schein einer Rettung nicht etwa 
eine Milderung, sondern sogar eine Erhöhung der Furcht- 
barkeit der Lage gewonnen wird, welche zu dem über- 
wältigenden Gesamteindruck wesentlich beiträgt. Ein 
wirklich entkommender Sohn ließe die göttliche Macht 
schwach und hinter ihrem Ziele zurückbleibend erscheinen; 
er wäre nicht nur eine überflüssige Zuthat: er höbe viel- 
mehr die einheitliche Wirkung geradezu auf. Bei einem 
Dichter dagegen liegt die Sache ganz anders: er hat 
eine Fülle von Mitteln, die Kraft und Größe der Gott- 
heit zu schildern. Er kann das Entrinnen des Knaben 
begründen, er hat die Gunst des Zusammenhanges der Er- 
zählung für sich. Dem Bildküitstler steht statt einer Reihen- 
folge von Augenblicken nur der eine Augenblick zutrVerfügtitig, 
welchen wir in dem Bildwerke selbst festgehalten sehen: 
in ihm muß alles enthalten sein, was zum Verständnis 
des augenblicklichen Zustandes, zu seiner Erklärung und 
Begründung notwendig ist. Der Bildkünstlei" muf) also die 
Einheitlichkeit der Handlung straffer ziehen als der Dichter 
und sich vor allem Episodischen hüten, das den Grundton 
stören, die Gesamtwirkuitg beeinträchtigen könnte. Es ist 
daher für das Verständnis der bildnerischen Gruppe durch- 
aus gleichgiltig, daß ein alter Dichter den einen Sohn ent- 
kommen läßt: gerade der Bildhauer ist am wenigsten von 
den Bildkünstlern Illustrator des Dichters, gerade er schafft
        

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