Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394631
120 DIE TRAGIK m VVERKEN HELLENISCHER PLASTIK. 
 
aufs neue gezwungen, die nächsten Augenblicke weiter- 
zudichten. So bleibt in der That nur das Gräßliche übrig, 
nach der einen Seite hin dadurch gemildert, daß es nur 
im letzten Augenblicke der Vorbereitung, aber freilich 
mit unausweichbarer Sicherheit dargestellt ist, nach der 
anderen Seite hin aber gerade dadurch auch verstärkt, weil 
der das Ereignis weiterdichtenden Phantasie in der Aus- 
malung der Folgen keine Grenze gesteckt wird, so daß 
sie schließlich bei einem blutigen Knäuel zerschmettertei" 
Glieder anlangt. Und als ob die Künstler es empfunden 
hätten, daß sie dies Gräßliche, wenn auch nicht ausgleichen, 
so doch einigermaßen wieder gut machen müßten, ver- 
wenden sie auf die Darstellung des Momentes die ganze 
Kraft ihres großen Talentes, wie wenn sie uns durch das 
dem Momente zukommende Interesse, durch die über- 
wältigende Kühnheit des Aufbaues, durch das sorgfältige 
Abwägen der Gestalten, durch die meisterhafte Gruppierung, 
durch die staunenswerte Technik, durch die verschwenderische 
Fülle körperlicher Schönheit an den dargestellten Augenblick 
fesseln und unsere Phantasie verhindern wollten, die Gräßlich- 
keit der nächsten Augenblicke sich fortdichtend auszumalen. 
Diese freilich vergeblich aufgewendete künstlerische Kraft 
läßt sich selbst noch nach den starken Ergänzungen und 
Überarbeitungen erkennen, Welche jedoch im großen und 
ganzen die ursprüngliche Gesamtwirkung wieder nach- 
empfinden lassen. Nur darin dürfte die Ergänzung Unrecht 
haben, daß Zethos hier die Dirke nicht am Haare faßt, 
wie es uns ein Kameo in Neapel zeigt: das Gewaltsame, 
Unentrinnbare der Situation gewinnt durch diesen Zug 
außerordentlich. Das malerische Element der Gruppierung 
wird noch durch die naturalistische Darstellung des Kithäron 
mit seinem Getier erhöht, zumal der felsige, ansteigende 
Bergboden Gelegenheit zu verschiedener Höhe des Planes 
der Handlung und zu kühnster Stellung giebt, wie sie 
Amphion zeigt. Aber alle diese entschiedenen Vorzüge 
können über den Grundmangel nicht hinwegtäuschen: die 
beabsichtigte Tragik wird durch das Mittel eines im höchsten 
Grade gräßlichen körperlichen Leidens hervorgebracht, 
welches zwar noch nicht unmittelbar vor unseren Augen
        

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