Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394622
D112 
TRAGIK 
Wannen 
ZLLENISCH ER 
PLASTIK. 
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den bereits dem Stier um die Hörner geschlungenen Strick 
auch um sie zu legen. Der nächste Augenblick zwingt in 
unsere Phantasie unfehlbar das Bild des rasend fortspringen- 
den Stieres und des gräßlich dahingescltleiften, zertretenen, 
geschundenen Körpers der königlichen Frau, die wir eben 
noch in dem höchsten Glanze blühender, im baccltttntischen 
Taumel enthüllter Schönheit sahen. Daneben aber steht, 
in vollkommener Ruhe der Bestrafung zuschauend, ein 
anderes Weib, Antiope, welche jetzt die ersehnte Rache 
erlangt hat und dieser ihren vollen Lauf läßt. 
Wo liegt in all diesem die Tragik? Eine Schuld ist 
hier thatsachlich vorhanden, die quälerische Mißhandltlng 
einer Person, welche wenigstens der Dirke gegenüber nichts 
verschuldet hat, und welche zudem als Sklavin sich nicht 
verteidigen kann, sondern jede Laune der grausamen Herrin 
über sich ergehen lassen muß. Die Schuld wird bestraft. 
Die Strafe ist furchtbar, aber sie entspricht der Schuld des- 
halb, weil die hartherzige Königin dieselbe Strafe verhängt 
hatte. Es ist die einfache Wiedervergeltung: Schuld und 
Strafe entsprechen einander, und gerade deshalb ist eine 
tragische Empfindung nicht möglich. Von einer Berech- 
tigung zu ihrem Handeln kann bei Dirke gleichfalls keine 
Rede sein, wenigstens nicht in der Darstellung des pla- 
stischen Werkes. Ist dieses, wirklich einer Tragödie des 
Euripides nachgeschaffen  der Bildkünstler konnte jedoch 
seinen Stoff, eben so gut wie der Dichter, der Sage selbst 
entnehmen  so konnte diese Dichtung, deren tragische 
Heldin jedoch Antiope war, manche Motive enthalten, welche 
der Dirke wenigstens irgend welche Berechtigung zu ver- 
leihen vermochte, etwa begründete Eifersucht auf die Sklavin. 
Während aber der Dichter dies im Laufe der Handlung 
vor uns entwickeln und unser Mitgefühl wenigstens nach 
einer Seite hin für Dirke wecken konnte, steht dem Bild- 
künstler diese Möglichkeit nicht zur Seite. Beim Dichter 
wurde überdies nach der Sitte des antiken Dramas die 
Bestrafung nur erzählt, nicht gezeigt, hier aber tritt sie 
in der ganzen Wucht der tinentrinnbaren Realität vor 
die Augen: die Einbildungskraft wird immer und immer 
wieder an diesen Moment gefesselt, und sieht sich immer
        

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