Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394552
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TRAGIK 
DIE 
WERKEN HELLENISCHER PLASTIK. 
des Einzelnen, der dem Allgemeingiltigen gegenübertritt, 
am liebsten in dem Charakter suchen, der aber doch auch 
nur das individuell gewordene Fatum ist. Ergiebt sich nun 
aus solchen Grundbedingungen ein tragisches Verhältnis, 
so liegt in der durch den einzelnen Fall gegebenen be- 
stätigenden Erkenntnis des tragischen Grundcharakters 
unserer Existenz ein versöhnendes Element, welches da- 
durch entsteht, dass das Einzelschicksal naturgemäß in das 
Gesamtschicksal einmündet und aufnichts Besseres Anspruch 
erheben darf als dieses selbst. Was aber dem Einzelnen 
in Übereinstimmung mit dem Ganzen geschieht, liißt für 
ihn den besonderen Schmerz in dem das Ganze erfassenden 
aufgehen. So bleibt, bei richtiger tragischer Grundlage, 
die tragische Empfindung ohne Bitterkeit, und die absichtlich 
angeregte Schmerzempiindung hat die gewünschte Folge, das 
durch die Befreiung vom Schmerz eintretende Wohlgefühl. 
Das Wesen der Tragik liegt hiernach in der Berechtigung 
des Individuums zum Handeln, nicht aber in seiner Schuld. 
Von einer solchen kann nur insofern die Rede sein, als die 
zur Tragik führende Handlung über die Grenze hinausgeht, 
welche vermittelnde Klugheit, Kompromiß suchende Mäßi- 
gung vorschreibt, welche aber dem scharf ausgeprägten 
Charakter der Individualität einzuhalten unmöglich ist. 
Liegt für das Überschreiten der Grenze keine Berechtigung 
im Charakter und zwar in einer an und für sich zu billigenden 
oder doch nicht zu verwerfenden Seite des Charakters, so 
wird die Schuld zum Verbrechen, und die Tragik hört auf. 
Die vtragische Schulda ist daher ein verwirrender Ausdruck, 
und er hat auch Verwirrung genug angerichtet. Er macht 
die nSzene zum Tribunala, die Tragödie zur Kriminaljustiz 
und obendrein zu einer höchst ungerechten. Denn zum 
Wesen des Tragischen gehört, daß das Leiden, welches 
eine Folge des Überschreitens der durch Sitte, Herkommen, 
Klugheit, Gesetz gegebenen Grenze ist, nicht im Verhältnis 
zu der Größe des gethanen Unrechtes stehe, daß es viel- 
mehr weit über das Maß einer vernunftgemäß zu erteilenden 
Strafe hinausgehe, wenn von einer solchen überhaupt die 
Rede sein kann, während umgekehrt die Strafe, welche 
die zur Überschreitung der Maßhaltung verleitende Bosheit
        

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