Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394539
IIO 
DIE TRÄGIK 
W ERKEN HELLENISCHER PLASTIK. 
und das körperliche Gebiet wird nur nebensächlich, nur 
als nicht zu umgehende Grundlage behandelt. Das vorge- 
stellte seelische, von körperlichen Gebrechen unberührte 
Leiden ist es aber, welchem wir wegen dieser Reinheit 
auch die reinste Wirkung zuschreiben. Seinem Wesen nach 
ist es aber dennoch nur eine absichtlich hervorgerufene 
Schmerzerregung, deren höchster ästhetischer Zweck kein 
anderer ist, als durch die Befreiung von ihr ein Wohlge- 
fühl zu erwecken. 
Dieses vorgestellte seelische Leiden wird uns besonders 
tief ergreifen, wenn wir für die Persönlichkeit, in welcher 
es gedacht wird, Sympathie haben. Es wird aber im 
höchsten Grade zur Wirkung kommen, wenn es zugleich 
die Folge von Situationen und Handlungen ist, welche 
wir auch um ihrer selbst willen als berechtigt anerkennen 
müssen. Das Mitleiden würde in diesem Falle sich jedoch 
zu wahrhaftem Entsetzen steigern müssen und die beab- 
sichtigte Wirkung, die Befreiung von dem Schmerzgefühle, 
in uns wesentlich durch ein zurückbleibendes Gefühl der 
Bitterkeit beeinträchtigt werden, wenn nicht das vorgestellte 
Leiden dadurch begründet wäre, daß auch die Ursache, 
welche das Leiden zur Folge hat, an und für sich betrachtet, 
gleichfalls berechtigt ist: hierdurch erscheint das Leiden als 
ein zwar schmerzliches, aber notwendiges und in seinen 
Gründen tiefer liegendes. Nur ein solches Leiden aber 
ttermag in uns ein Mitleiden zu erregen, ohne Bitterkeit zu 
hinterlassen, welche die beabsichtigte Wirkung des aus 
der Schmerzbefreiung entstehenden YVohlgefühles nicht auf- 
kommen ließe. Die Empfindung aber, welche in uns durch 
ein vorgestelltes seelisches Leiden erweckt wird, das bei 
an und für sich berechtigtem Handeln durch ein anderes 
an und für sich gleichfalls berechtigtes Handeln entsteht, 
ist die tragische. 
Dadurch, daß nicht nur eine Seite, sondern beide 
Seiten, jede innerhalb ihrer Sphäre, berechtigt zu ihrem 
Handeln sind, diese beiden Sphären selbst aber in ihren 
Konsequenzen einander ausschließen, wird der daraus ent- 
stehende Kampf der Willkür und dem Zufall enthoben 
und auf allgemeine Verhältnisse zurückgeführt: er gewinnt
        

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