Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394525
DIE TRAGIK m Wrnxßx HELLENISCHER PLASTIK. 109 
Fortschritt in der Kulturgeschichte: sobald das Bild der 
Schmerzempiindung genügte, um durch die Vorstellungs- 
fähigkeit jene Schauer zu erwecken, welche die Vorbedingung 
des hier betrachteten Wohlgefühls sind, konnte diese Nei- 
gung ohne reale Schmerzliervorbringung befriedigt werden, 
die Grausamkeit konnte abnehmen und hat abgenommen, 
die Freude am Schmerze hört auf eine reale zu sein, sie 
wird zur ästhetischen Freude. Von diesem Gesichtspunkte 
aus gewinnen unter anderem die Passions- und Matter- 
darstelltingen, in welchen besonders das vierzehnte und 
fünfzehnte Jahrhundert sich hervorgethan hat, eine Beleuch- 
tung, welche ihnen, abgesehen von ihrer kunstgeschicht- 
lichen Bedeutung, eine mildere Beurteilung zu teil werden 
lassen kann, als unsre humanen Gesinnungen ihnen sonst zu 
gestatten geneigt sind. An ihnen ersättigte sich die Begier 
nach absichtlicher Schmerzerregting, um durch diese des 
ihr folgenden Wohlgefühls teilhaftig zu werden. Schmerz- 
erzeugung und Schmerznachenupfindung linden auf dieser 
Stufe beide auf dem Gebiete der Vorstellung statt. 
Unsere Vorstellungsfähigkeit ist jedoch nicht an sinn- 
liche Bilder in Form und Farbe gefesselt: sie können uns 
auch durch das Wort mitgeteilt werden und erreichen 
vollständig ihren Zweck. Nicht nur die Kinder lieben 
das Gruseln beim Anhören der Märchen: Schauerge- 
schichten bilden oft genug die einzige Grundlage ästhe- 
tischer Empßndung, die auf ihrer niedrigen Stufe dennoch 
von hoher Bedeutung für die allmähliche Bildung des 
feineren ästhetischen Gefühles ist, in der hier verfolgten 
Entwickelung aber eine bedeutsame Stellung einnimmt. 
Noch immer ist es die Vorstellung des körperlich Schmerz- 
lichen, was in der Nachempfindung die schmerzliche Span- 
nung hervorbringt, von welcher befreit zu werden als ein 
Wohlgefühl empfunden wird. Aber der nächste Schritt 
führt bereits vollständig in das Seelenleben hinein; was wir 
nachempfinden, ist nicht mehr der körperliche Schmerz, 
welchen wir uns am Objekte vorstellen, sondern der seelische 
Schmerz, welchen wir an diesem infolge irgend eines 
zunächst äußeren Leidens, endlich aber infolge eines 
seelischen Leidens voraussetzen: Seele wirkt auf Seele,
        

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