Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394408
DIE TRAGIK IN WERKEN HELLENISCI-IER PLASTIK. 97 
 
Dieser fromme Sinn ist jetzt in der pergamenischen 
Kunst gründlich verschwunden. Die Hinweisung auf jene 
Götterthaten dient nicht zur Mäßigung des Siegesbewtißt- 
seins, sondern zur Steigerung, der Siegesfreude und des 
Siegesstolzes: die Menschen stehen den Göttern um eben- 
soviel näher wie diese von ihrer Höhe haben her-absteigen 
und sich vermenschlichen müssen, und die Scheu vor 
Überhebung verschwindet in dem Maße, in welchem der 
Glaube an die Götter mehr und mehr äußerlich und seelen- 
los wird. So konnte zur Erreichung des gewünschten 
Eindrucks auch nicht mehr die maßvolle Ruhe in der 
Darstellungsart genügen; es mußte vielmehr die höchste 
dramatische Lebendigkeit, der energischeste Ausdruck, die 
leidenschaftlichste Erregung als Ersatz für die mangelnde 
Hoheit in der schaffenden Empfindung eintreten: eben 
diese Eigenschaften sind es, welche uns als die charakteris- 
tischesteia des neuen Fundes mitgeteilt werden. Auch in 
ihm spielt die Parallele mit dem Gigantenkampf eine 
wichtige Rolle. Wir können hieraus entnehmen, wie sehr 
dem Könige selbst, gewiß aber auch der Gesamtanschauung 
seiner Zeit die in dieser prahlerischen Gegenüberstellung 
sich verkündende Auffassung menschlicher und göttlicher 
Verhältnisse entsprach. Die hieraus sich ergebende Rich- 
tung auf ergreifenden, leidenschaftlichen, aufregenden 
Ausdruck spricht sich auch in den wenigen Resten des 
Attalischen Weihegeschenkes noch deutlich genug aus, in 
welchem uns ein seltsam erscheinendes und doch recht 
wohl begreifliches Geschick nur Besiegte erhalten hat: diese 
waren wegen der geringeren Erhebung vom Boden der 
Zerstörung weniger ausgesetzt und konnten auch wohl 
leichter verschleppt werden. 
In diesem selbstbewußten Gegenüberstellen mythischer 
und wirklicher Ereignisse liegt aber auch der Keim für das 
Bestreben, diese letzteren als das was sie sein sollten 
möglichst scharf kenntlich zu machen, so daß ein Zweifel 
über ihre Bedeutung nicht aufkommen konnte. Die an 
und für sich schon vorhandene realistische Tendenz der 
Kunst, das Streben nach Naturwahrheit, bildete sich zu 
der erweiterten Tendenz auf historische Wahrheit fort 
VEIT VALENTIN. 7
        

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