Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Kunst, Künstler und Kunstwerke
Person:
Valentin, Veit
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392977
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1394264
EIN GRUNDPROBLEM DES KUNSTGEWERBES. 83 
 
Zwecke widersprechendste bezeichnen. Sie ist nur möglich, 
WO jede Empfindung für die Bedeutung und den Wert des 
Stoffes für die kunstgewerbliche Schöpfung erstorben oder 
nie lebendig gewesen ist. 
Ganz anders stellt sich die Sache, sobald der Stoff- 
wechsel in der einzig richtigen Weise verwendet wird: 
der eine Stoff tritt an Stelle des andern, ohne seine Eigen- 
art abzuleugnen, er will für nichts andres gelten, als was 
er ist. Dann aber ergiebt sich gerade aus diesem Bestreben 
das andere, dafS seine eigne Natur zur Geltung komme. 
Wird von dem nachgeahmten Gegenstande nicht der Stoff 
scheinbar beibehalten, so kann an ihn nur durch die bei- 
behaltene Form erinnert werden. Dieser gegenüber ist der 
neue Stoff insofern frei, als er verlangen kann, daß die zur 
Nachgiebigkeit an und für sich bereite Form ihm so weit 
entgegenkomme, daß die ihm eigne Natur hervortreten 
kann. Es wird sich also das Gesetz ergeben, daß bei 
jedem Stoffwechsel die Form innerhalb der Grenze ihrer 
Erkennbarkeit sich so weit nachgiebig erweisen muß, als 
es die Natur des neuen Stoffes verlangt. Das Resultat 
für die Form wird sein, daß sie ganz oder teilweise auf- 
hört, Ergebnis der konstruktiven Beschaffenheit des Gegen- 
standes zu sein und in die Stufe des Ornamentes übertritt: 
gerade damit werden ihr aber neue Wege der Entwickelung 
eröffnet. Ein Beispiel mag zeigen, wie der Vorgang sich 
vollzieht. 
Es soll ein geflochtenes Körbchen Vorbild sein und in 
irgend welchem Metalldraht nachgeahmt werden. Mit Draht 
läßt sich wie mit Stroh oder Weidenruten flechten; es kann 
daher nicht nur die Form, sondern auch das Verfahren, 
diese Form zu gestalten, beibehalten werden. Wenn jedoch 
die einzelnen Flechten ebenso stark gemacht würden wie 
bei dem Vorbilde, so würde das Gesamtgewicht sich dem 
bequemen Gebrauche entgegenstehen, da das spezifische 
Gewicht des Metalls viel größer ist als das des ursprüng- 
lichen Flechtwerkes. Nun erlaubt es aber die Natur des 
Metalles, den Draht sehr viel dünner zu machen als Pflanzen- 
gefiechte praktischerweise sein können; es wird sich also 
als Nachgiebigkeit der Form gegenüber der älatur des
        

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