Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das erste Jahr des Zeichenunterrichts
Person:
Reichhold, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1391971
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392686
Löwen und andere dem Morgenlande angehörende Tierbildungen 
lagen den Gefässmalern völlig fern. In ihrer volkstümlichen Kunst 
führten sie nur bekannte Gestalten vor: Pferde, Hirsche, Hasen, 
Schmetterlinge, vor allem aber Polypen, Seeschnecken, Wasservögel, 
Fische in so grosser Anzahl, dass diese ganze Malerei nur an einem 
Küstenorte entstehen konnte, der nach der Pflanzenornamentik zu 
schlissen, von üppiger Vegetation umgeben war. 
Zu den Seiten der Fig. 17 befinden sich zwei sehr häufig 
auf Vasen und lntaglien vorkommende Gebilde mit einem be- 
krönenden Strahlenkranze. Ein Zurückgehen des letztern auf die 
Palmette erscheint sehr unwahrscheinlich, eher dürfte wohl das 
Umgekehrte anzunehmen sein. Die Bekrönung mit Halbkreisen, 
Strahlen und Punktkreisen, oft in mehrfacher Anordnung ist in 
der mykenischen Malerei ungemein beliebt, während die ägyptische 
Palmettenbildung vollständig fehlt; alle den Blumenkelchen ent- 
wachsende Gebilde, Staubfäden und Staubbeutel erscheinen unmittel- 
bar der Natur entlehnt zu sein. 
Fig. 18. Ein baumartiges Gewächs, das auf Gefässen, wie 
auf Intaglien zur Darstellung kam und manchen Gebilden auf 
chaldäischen Cylindern nicht unähnlich ist. Durch die Blattkrone 
und die beiden von ihrem Ansatze nach abwärts gerichteten Zweige 
ist in ihm die Nachbildung eines Palmbaumes zu vermuten. 
Besonders bestärkend hiefür wirkt die etwas naturalistischere 
Darstellung desselben auf einem Inselstein (bei Furtwängler) und 
diejenige auf dem Becher von Vafio. Als flüchtige Naturskizze 
ohne tiefere Bedeutung ist dieses Gebilde kaum aufzufassen, dagegen 
spricht seine gleichförmige Wiederholung auf den Gefassen und 
seine vielfache Ähnlichkeit mit assyrischen und persischen Säulen- 
formen. Dem Stamme sind, um das kahle Aufsteigen zu maskieren, 
Blattstauden, Spiralen u. s. w. beigegeben. War der Raum der 
Höhe nach auf den Gefassen nicht ausreichend, so gab man der 
Pflanze, wie in unserer Figur, eine Seitwärtsneigung mit genauster 
Beobachtung der Bewegungsgesetze, die, wohl schon früher erkannt, 
hier aber zum erstenmale in reicherer Gestaltung zur Erscheinung 
kommen. 
Nach diesem Gesetz dürfen die Einzelteile eines sich abbiegenden 
Pllanzengebildes die symmetrische Lage zur Hauptlinie nicht ver- 
Reichhold, Zeichenunterricht. 4
        

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