Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das erste Jahr des Zeichenunterrichts
Person:
Reichhold, Karl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1391971
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1392493
heiligen Nilwasser entragende Lotosblüte und Papyrusstaude. Die 
erste gleicht unserer Seerose, die andere, die das Material zum 
ersten Papier lieferte, trägt auf einem hohen Stengel eine wedel- 
artige Bekrönung. (Zur Papierfabrikation wurden aus dem Mark des 
Stengels dünne Scheiben geschnitten, dieselben in zwei Lagen quer 
übereinander gelegt, das Ganze mit einem Klebstoff getränkt und 
schliesslich einer starken Pressung ausgesetzt.) Die Darstellung 
beider Pflanzen ist eine ziemlich gleichartige, nur mit dem Unter- 
schied, dass dem Lotoskelche Blätter eingezeichnet sind, während 
der Papyruswedel als eine oben bogenförmig abgeschlossene Umriss- 
zeichnung dieses Kelches erscheint. Diese Gleichheit der Grund- 
form erschwert es schon in der ältesten Kunst, die beiden Ge- 
bilde richtig auseinander zu halten, und in der vielgestaltigeren 
neueren ist eine solche Trennung überhaupt nicht mehr möglich. 
Neuerdings tritt nun auch Goodyear (The grammar of the lotus, etc.) 
mit der sehr begründeten Ansicht auf, dass alle Blütendarstellungen 
überhaupt nur mit dem Lotos zu identifizieren seien. 
Diese Blume erfreute sich in dem wiesen- und waldlosen, 
eintönigen Lande einer beispiellosen Zuneigung, einer abgöttischen 
Verehrung. Schon am frühen Morgen übergibt die Dienerin 
ihrer Herrin einen Strauss derselben; beim Gastmahl werden solche 
den Eingeladenen überreicht; Säulenschäften werden sie angebunden 
und in prunkenden Goldgefässen zur Schau gestellt. Die Frau 
im Festgewande trägt eine frische Lotosblume im Haar; den 
Wänden sind Lotosblüten in fortlaufender Reihe aufgemalt, selbst 
die Säule erscheint in ihrer Gestalt. Schmuck und sonstige Luxus- 
gegenstände ohne Zierat von Lotoskelchen sind selten. Auch im 
Kult müssen sie eine hervorragende Rolle gespielt haben, denn 
unter den Opfergaben von Ramses III. an die Tempel werden 
nicht weniger als 19 Millionen Blumensträusse angeführt. Die 
Mumien wurden mit Lotos umwunden, der Betende brachte sie, 
wie viele Reliefs es bezeugen, auf dem Opfertische seinem 
Gotte dar. 
Über das erste bildliche Auftreten des Lotos können nur 
Mutmassimgen gepflogen werden. Semper (der Stil) führt den 
Ursprung aller Dekorationskunst auf die Flechterei, Weberei und 
Stickerei zurück und wirkte in dieser Annahme so überzeugend,
        

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