Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Künstler des siebzehnten Jahrhunderts
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1387345
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1388334
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zugleich die zweite Seite seines Wesens ausgedrückt, jenes Prüfen 
und Wählen unter den Weisen der verschiedenen Meister, die 
der ganzen Schule den Namen der eklektischen zugezogen hat; 
(Vergl. die Einleit.) Als er nach Bologna zurückkehrte, musste 
man seine vielseitige Erfahrung Wohl anerkennen, aber es fehlte 
viel daran, dass er als Einzelner die ganze damalige Richtung, 
die sich grosser Talente und grosser Sympathien erfreute, hätte 
bekämpfen können. Er suchte deshalb nach Bundesgenossen 
und fand dieselben, da sein Bruder Paolo, der allerdings Maler 
war, sich nicht dazu eignete, in seinen Vettern, den nur um we- 
niges jüngeren Söhnen seines Oheims, Agostino und Annibale. 
Agostino (1558-1601) War Goldschmied  welche Kunst seit 
jeher Pflanzschule für die tüchtigsten Maler und Bildhauer ge- 
wesen war,  Annibale, der jüngere (1560- 1609), arbeitete in 
der Werkstatt seines Vaters, der ein Schneider von Profession 
war. Noch mehr als in ihrem Beruf waren die Brüder in Bildung 
und Charakter verschieden, und die Art, in der Lodovico sie für 
seine Zwecke gewann und sie zu gemeinsamem Wirken befä- 
higte, zeugt von grossem pädagogischem Talente. Agostino, an 
den Verkehr mit Gelehrten gewöhnt, war bewandert in Literatur 
und Poesie; Philosophie und Mathematik waren ihm nicht fremd; 
er konnte später Mitglied der bolognesischen Akademie der Ge- 
lati werden. Auch in mancherlei technischen Dingen, wie z. B. 
der Uhrmacherkunst, hatte er sich versucht. Annibale, an nie- 
drigen Umgang gewöhnt, hatte weder selbst Bildung, noch ach- 
tete er sie an Andern. Im Verkehr mit Höherstehenden war er 
befangen und linkisch. Vom Reden war er kein Freund; mit 
den Händen hätten die Maler zu sprechen, pflegte er zu sagen. 
Agostino gab viel auf seine Person; fein im Anzuge, war er ver- 
bindlich und liebevoll in der Unterhaltung. Annibale legte wenig 
Werth wie auf Worte, so auf äussere Erscheinung; Mantel und 
Bart waren nie in Ordnung; erst später in Rom änderte er sich 
darin etwas; den Bruder, der gern und frei mit Grossen ver- 
kehrte, erinnerte er wohl mit gutmüthigem Spott durch das Bild 
von Vater und Mutter, wie jener nahte und diese die Nadel ein- 
fädelte, an die gemeinsame niedrige Herkunft. Witzig, scharf 
und schlagend in ihren Aeusserungen waren Beide. So konnte 
es, bei sonst eher heftiger als sanfter Gemüthsart, nicht an Rei- 
bungen fehlen. Das Bestreben Agostinds, den jüngeren Bruder 
zu meistern, mochte die Spannung noch grösser machen. _Di1 
nun aber ist es rührend zu sehen, wie in der gemeinsamelrlalebe 
zur Kunst alle Misshelligkeiten zwischen den Beiden nufßlnäen- 
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