Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Künstler des siebzehnten Jahrhunderts
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1387345
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1388322
zugleich aber alles tieferen künstlerischen und sittlichen Haltes 
und Ernstes entbehrten 1). Lodovico Caracci, der im Jahre 1555 
geboren und unter den Einflüssen der neuen Zeitrichtung gross 
geworden war, konnte, obschon er selbst die Schule jener Meister 
durchgemacht, sich in dieser Auffassung nicht befriedigt fühlen. 
Schon früh wurde er so zu seinen reformatorischen Ideen ge- 
drängt. Solche Reformen bestehender Kunstweisen aber können 
nur das Werk fester Ueberzeugung, vollkommen klaren Bewusst- 
seins, ernster Gewissenhaftigkeit sein; das zeigt nun Lodovico 
in seinem ganzen Wesen recht deutlich. Bei aller seiner Bega- 
bung ist es doch nicht die unmittelbare künstlerische Begeiste- 
rung, nicht die Macht des Genies, die ihn beseelt. ln den Augen 
seines entschlossenen, kühnen, wie die Manieristen überhaupt, 
rasch fertigen Lehrmeisters Prosper Fontana, so wie in denen 
des Tintoretto, der wenigstens im Punkte der Kühnheit mit 
Fontana verwandt war, erschien er geradezu unfähig; man rieth 
ihm wohlmeinend, eine andere Profession zu ergreifen; man 
mochte ihn wohl zum Farbenreiber eher geeignet halten, als 
zum Maler; seine Mitschüler, in denen sich das Urtheil des Mei- 
sters, wie gewöhnlich, in scharferer Weise rellektirte, nannten 
ihn geradezu mit einem Spitznamen, wie das Leben in den Ate- 
liers dies leicht mit sich bringt, den Ochsen. Dass die Lang- 
samkeit Lodovicds keineswegs Folge seiner Unfähigkeit, sondern 
seiner Gewissenhaftigkeit war, konnten sie nicht begreifen, da 
jene stille und gewissenhafte Hingabe des Künstlers an sein 
Werk, die den Ruhm der früheren Zeiten ausgemacht hatte, 
längst aus den Gemüthern geschwunden war. Diese Gewissen-- 
haftigkeit nun aber war es, die unsern Lodovico auf seinem gan- 
zen späteren Bildungswege leitete. Sie führte ihn nach Venedig, 
wo er unter Tintoretto, nach Florenz, wo er unter Passignano 
arbeitete. Hier waren es die Werke des Andrea del Sarto, nach 
denen er sich zu bilden suchte, in Parma die des Correggio und 
Parmigianino. In Rom ist er nicht gewesen oder erst sehr spät, 
nachdem die Zeit des Lernens vorüber war. Darin liegt auch 
1) So fassten schon ernstere Beurtheiler im siehzehnten Jahrhundert 
selbst die Sache auf. Der Graf Malvasia namentlich ist es, der die später 
allgemein gültige Ansicht über diese Schule ausgesprochen hat, so dass 
auch die Bezeichnung "Manier und Manieristen" auf ihn zurückzuführen 
ist. Er Spricht i_n der: Einleitung zu den Lebensbeschreibungen der Caracci 
von einer „mame1_'a insomma lontana dal verisimile, non ehe dal vero, 
totalmente chimenca e ideale" und von einem „eerto fare sbrigativo e 
aßatto manieroso". Felsina pittriee ll. 358.
        

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