Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Künstler des siebzehnten Jahrhunderts
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1387345
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1387957
XLV 
und die an innerer Kraft und mildem Zauber jene Poesie des 
Glanzes und der larächtigen Erscheinung weit zu übertreffen im 
Stande ist.  Die heilige Familie ist an Tiefe, Gluth und Sätti- 
gung der Farbe, in dem auf der Hauptgruppe ruhenden goldigen 
Lichte eines der schönsten Bilder Rembrandts. Wir werden 
hier nicht in stolze Hallen oder in eine schöne Landschaft ge- 
führt. Wir befinden uns in einem düstern Raume, der zugleich 
die Wohnung der Familie und die Werkstatt des Vaters aus- 
macht  das Heiligste und Schönste ist mit gutem Glauben in 
die engste und dürftigste Wirklichkeit versetzt. Hat es dadurch 
verloren? Ist es dadurch weniger heilig und weniger schön ge- 
worden? Die heilige Jungfrau ist von dem Gefühl reinster und 
edelster Liebe nicht minder geadelt, als die stolzen Himmels- 
königinnen eines Guido und Rubens. Eine Alte, die allerdings 
in ihrer derben und fast plumpen Erscheinung recht aus dem 
Leben gegriffen erscheint, blickt mit herzlichster Theilnahme das 
Kind an; wie von einem Zuge inniger, heimlicher Liebe geleitet, 
sieht sich der Vater von der Arbeit nach der Gruppe der ihm 
theuren Personen um. Ja, wir sehen hier den heiligen Gegen- 
stand in die Sphäre des realen und gewöhnlichen Lebens über- 
tragen, aber durch die Innigkeit und Tiefe der dargestellten 
Empfindungen ist dies gewöhnliche Leben zu einer ldealität, 
zu einer Verklärung geführt, die in der That als der höchste 
Triumph der Kunst bezeichnet werden darf.  Erst dadurch wurde 
die Kunst, kann man mit Schnaase sagen, in ihre alten Rechte 
eingesetzt, und ihr die Stellung wiedergeschalft, welche sie in 
der alten Welt hatte, vdas ganze Leben mit allen seinen Potenzen 
zu berühren. Erst dadurch wurde sie volle Wahrheitu. 
Werfen wir nach diesen wenigen einleitenden Bemerkun- 
gen 1) noch einen Blick auf die italienische Kunst zurück, so tritt 
1) Was die Art der Honorirung und die Preise der Bilder 118mm, 
mögen hier einige Andeutungen über den Werth der in diesem Werke 
SO
        

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