Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Künstler des siebzehnten Jahrhunderts
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1387345
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1390820
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verbundenen Dinge die Mannigfaltigkeit und die Verschiedenheit 
der Arten; wogegen aus der Gleichmässigkeit in dem Verhaltniss 
und der Anordnung der zu jeder Art gehörigen Dinge ihr be- 
sonderer Charakter bedingt wurde, d. h. die Fähigkeit dersel- 
ben, die Seele in gewisse Leidenschaften zu versetzen. Daher 
kommt es, dass die Alten in ihrer Weisheit jeder Art ihre be- 
sondere Eigenschaft zuschreiben, entsprechend den Wirkungen, 
die sie dieselben hervorbringen sahen. So wendeten sie die do- 
rische Art auf ernste, strenge und weisheitsvolle Gegenstände 
an; die phrygische Art dagegen auf heftige Leidenschaften und 
folglich auf kriegerische Gegenstände: und ich hotTe, ehe ein 
Jahr vergeht, einen Gegenstand in dieser phrygischen Art zu 
malen. Ferner bezog sich die lydische Art auf traurige und 
schmerzhafte Gefühle und die hypolydische auf solche, welche 
weich und anmuthig sind; endlich aber erfanden sie die ionische, 
um lebhafte Erregungen und heitere Scenen zu malen, wie z. B. 
Tänze, Feste und Bacchanalien. 
Auch die guten Dichter haben in gleicher Weise einen 
grossen Fleiss und eine wunderbare Kunst angewendet, um 
nicht nur ihren Styl den zu behandelnden Gegenständen anzu- 
passen, sondern auch um die Wahl der Worte und den Ryth- 
mus der Verse nach den Erfordernissen der zu malenden Ge- 
genstände zu bestimmen. Namentlich hat sich Virgil in allen 
seinen Gedichten als ein grosser Kenner dieses Theiles der 
Kunst erwiesen, und er ist so ausgezeichnet darin, dass es oft 
scheint, als 0b er blos durch den Klang der Worte uns die Dinge, 
welche er beschreibt, vor Augen stellte. Spricht er von der 
Liebe, so geschieht dies in so kunstvoll ausgewählten Worten, 
dass daraus eine süsse, gefällige und reizvolle Harmonie ent- 
Steht; besingt er dagegen eine Waffenthat oder beschreibt er 
einen Sturm, so malen schon der sich gleichsam überstürzende 
Rythmus und die vollen Klänge seiner Verse auf bewunderns- 
würdige Weise eine Scene voll Wuth, Aufregung und Entsetzen, 
Wenn ich Ihnen aber ein Bild von solchem Charakter oder in 
welchem diese Art und Weise beachtet Ware, gemalt hätte,
        

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