Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunst und Künstler des siebzehnten Jahrhunderts
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1387345
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1387665
XVI 
Nur wenn man diese allgemeinen Verhältnisse beachtet, 
wird man den Manierisnlus in der Kunst richtig beurtheilen 
können. Allerdings wird man dessen Schöpfungen, die sich in 
auf die Erkenntniss des künstlerischen Bewusstseins jenes Zeitalters, von 
grosser Bedeutung sind. Es ist in den nachfolgenden Untersuchungen 
mehrfach darauf hingewiesen; doch bietet dieser Gegenstand, sowie die 
gesammte KunSt- Literatur des 17. Jahrhunderts, noch immer Stoff zu Unter- 
suchungen dar, die von der Kunst-Wissenschaft mit Unrecht vernachlässigt 
worden sind. Von dem vorletzten Jahrzehend des 16. Jahrhunderts an 
beginnt eine Reihe von kunst-wissenschaftlichen Werken, theils theore- 
tischen, theils praktischen Inhalts, an denen sich (namentlich an den 
ersteren) die verschiedenen Phasen des künstlerischen Bewusstseins in 
überraschender Weise verfolgen lassen, um so mehr, als ein grosser Theil 
dieser Werke, von Jost Amman's Kunst-Büchlein an, von praktischen 
Künstlern herrühren. lch erinnere hier nur an die Werke von Lomazzo, 
Armenini, Vasari, Zuccaro, Paggi, van Mander, Carducho, Pacheco, Pader, 
Dufresnoy, Boschini, Baldinucci, von Sandrart, Beurs, Houbraken, Pale- 
mino u. a., die zum Theil in den nachfolgenden Blättern besprochen sind, 
zum Theil eine zusammenhängende Bearbeitung noch zu erwarten haben. 
Das oben erwähnte Werkchen Zuccaro's ist in breiter und sehr künstlicher 
Weise geschrieben, und zerfällt in zwei Bücher. Das erste Buch handelt 
von der inneren Zeichnung, sowohl im Allgemeinen, als auch im Beson- 
deren. Das zweite Buch von der äusseren Zeichnung, namentlich der 
den Bildhauern, Malern und Architekten gemeinsamen. Die innere Zeich- 
nung „disegno interne" ist der in unserm Verstande gebildete Begriff 
(il concetto formato nella mente nostra), um irgend eine beliebige Sache 
zu erkennen und äusserlich dem Wesen der Sache gemäss darzustellen. 
Jener Begriff nun aber bildet sich nicht blos im Verstande des Malers, 
sondern in jedem andern denkenden Wesen, und es wird nach der ver- 
schiedenen Art und Weise dieser Letzteren, auch verschiedene Arten 
innerer Zeichnung geben. Nun giebt es aber drei Intellektual-Substanzen: 
Gott, die Engel und die Menschen, woraus die Existenz einer dreifachen 
inneren Zeichnung: einer göttlichen, englischen (angelico) und mensch- 
liehen hervorgeht. Von diesen wird nun zunächst die göttliche besprochen 
und dabei auf das Mysterium der h. Dreieinigkeit, sowie auf platonische 
und aristotelische Ideen zurückgegangen. In Gott sind die Ideen aller 
Dinge, die Ideen aber bilden die Formen der Dinge. So ist in der gött- 
lichen Majestät zugleich die innere Zeichnung enthalten, womit er alle 
geschaffenen Dinge versteht und das ganze Universum als Objekt seines 
göttlichen Intellektes unterscheidet, welcher letztere wieder nicht von ihm
        

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