Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Künstler-Briefe
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1381935
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1386778
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gang machten, weil sie ihn lebendig glaubten, was, so viel 
ich weiss, einer Skulptur noch niemals Widerfahren ist. 
Da die Zeichnung 11m1 die INIutter aller dieser einzelnen 
Kunstgattungen ist, Zeichnen und Malen aber viel 1nehr unsre 
Sache als die der Bildhauer ist, insofern nämlich viele Bild- 
hauer trefflich arbeiten, die nichts auf Papier zeichnen, 
and unendlich viel Maler, die keine Zeichnung haben, wenn 
diese es mit einem Gemälde zu thun haben, des von einem 
grossen Meister gemacht ist, so zeichnexl sie die Konturen 
durch und machen es, was das Kolorit betriift, jenem so ähn- 
lich, dass sie viele damit täuschen. Von sich selbst aber 
würden sie es, weil sie keinc Zeichnung haben, nicht nmchen 
künnen, was von der Schwierigkeit der Kunst herkommt. 
Haben Wir doch unserer Tage gesehen, dass beim gätt- 
lichen Michel Angelo ein Steinmetz, der Karniesse arbeitete 
und mit dem Eisen sehr gut umzugehen wusste, indenx er 
auf den Stein zeichnete und hald hier, bald da etwas wag- 
nahm, das Grabmal Papst J ulius II. zu Ende brachte, was durch 
die Leichtigkeit der Kunst veranlasst wurde. Wic er nun aber 
damit fertig war, sagte er zu Michel Angelo, er sei ihm sehr 
verpflichtet, da er ihm die Erkenntniss einer Fähigkeit in 
sich verdankte, von der er bisher niehts gewusst hätte. 
Mit einem Worte, der kleinste Theil der Malerei ist eine 
Kunst an und für sich selbst, im Ganzen aber ist sie eine 
gewaltige Sache. Daher schliesse ich denn, dass naeh meinem 
geringen Wissen, nur wenige, die diese Kunst zu lernen su- 
chen, es zu einer Vortreffliehkeit und Vollkomnuenheit in der- 
selben bringen. Daher habe ich denn manchlnal bei mir ge- 
dacht und gesagt, dass wcnn ich dans Studium, die Zeit und 
die Mühe, die ich auf diese Kunst verwendet habe, um die 
vier Bauerntänze, an denen ich jetzt arbeite, machen zu kün- 
nen, auf eine andere Wissenschaft vcrwendet hätte, so glaube 
ich, wenn ich nicht schr irre, wäre ich noch bei meinen Leb- 
zeiten und nicht erst nach meinem Tode heilig gesPfochen 
worden. Umsomehr als man unsere Zeit voll solcher Zierde in
        

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