Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Künstler-Briefe
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1381935
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1386083
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schaftlicln. Ich hoife mit Zuversicht zu Grott, dass er zurück- 
kehren wird, was Gott gefallen mäge. 
Ich wünschte sehr, Euch (las, was Ihr von mir verlangt, 
erklären zu künnen und es thut mir ungemein laid, dass ich 
so wenig gesclüekt bin, Eurem Wunsche naehzukommen, in- 
dess wil] ich (loch ans Liebe zu Euch nicht unterlassen, 
Eueh in der Kürze über den verlangten Gegenstanc] meine 
Meinung mitzutheilen. Ich weiss nämlich, dass Ihr nichts 
anders sucht, als was das Wahre in diesen Dingen sei. Denu 
ich stelle mir vor, äass Euch die Schwierigkeiten auf beiden 
Seiten wohl bekannt sind; und so scheint es mir denn, dass 
die Skulptur in der Idee des ausübenden Künstlers liege, 
durch seiner Hände Werk zu zeigen, was wirklich ist, nicht 
aber durch die Nachbildung der Natur zu täuschen  und dass 
alle Menschen (las, was er gemacht, zu erkennen im Stande 
seien. So z. B., dass Wenn ein Blindey, der niemals gesehen, 
sondern nur getastet hätte, eine Figur von Marmor, Holz 
oitler Thon fände, er sogleich vermäge seines Urtheils behaup- 
ten würde: das ist die. Figur eines Mannes, oder eines Weibes, 
oäer die eines Kindes. Wenn (las Kunstwerk aber im Gegen- 
theil eine Malerei Wäre, und der Blinde, darauf umhersuehend 
nichts fände, obschon doch etwas darauf ist, so würde er dasselbe 
für betrügerisch erklären. Denn es ist trügerisch zu zeigen, 
Was nicht wirklich ist. Die Natur aber täuscht clie Menschen 
nicht. Wenn Jemand hinkt, so zeigt sie ihn hinkend; ist 
Jemand schün, so zeigt sie ihn schän. S0 scheint es mir 
also, als ob die Skulptur die Wirklichkeit, die Malerei aber 
eine Täuschung sei. Hätte ich die Täuschung vorzustellen, 
so würäe ich, so viel an mir, einen Maler vorstellen 9). Das 
ist meine Ansieht über clie Skulptur. Ich bin überzeugt, dass, 
Wenn man den ersten Bildhauer nähme, der gut arbeitet, und 
den ersten Maler, der gut malt, und sie soIcherWeise Linien 
1) Non ingannax- la natura.  
2) E volendo avere a contraffare la bugia, contraffarei, in quamo 
a me, un piLtoreH].
        

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