Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Künstler-Briefe
Person:
Guhl, Ernst
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1381935
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1383490
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eine Bitte, die in dem Begleitschreiben des Jafredrxs Kardi 
vom 19. Aug. näher dahin bestimmt wird, man müchte ilmf 
wenigstens den nächsten September noch auszubleiben ge- 
statten. Dann würde er unbedingt zurückkehren. 
Der Gonfaloniere Pietro Soderini antwortet darauf den 
9. October- d. J. an Jafredus, Leonardo da Vinci habe sich 
nicht wie er sollte gegen die Republik betragen; denn er 
habe eine gute Srlmme Geldes empfangen und einen kleinen 
Anfang zu einem grossen Werk gemacht, das er ausführen 
selle, und die Sache aus Liebe zu Ew. Herrl. (es ist Jafre- 
dus und der Generalstatthalter gemeint) verzägert. Nun aber 
wünschten sie (Soderini und die Signer-i) nicht länger mehr 
um Aufschub ersucht zu werden, indem das Werk der Ge- 
sammtheit Genüge zu leisten habe und sie einen weiteren 
Aufschub nicht verantworten kännten. 
Man kann sich sehr wohl denken, dass der treifliche 
Soderini, der Freund der Künstler und der Künste, so wie 
die Signorie der als Heimath und Sammelpunkt der grüssten 
Kunstschüpfungen bekannten Stadt sehr ungehalten über die 
Unterbrechung jener Arbeit waren, die sehon in ihrem Ent- 
wurf einen bis dahin uner1161'ten Beifall errungen und die in 
ihrer Vollendung eine der grüssten Zierden der Stadt zu wer- 
den versprach. Aber ebensowenig kann man dem Künstler, 
dessen grosser und ehrenhafter Üharakter über allem Zweifel 
erhaben steht, verdenken, wenn er zügerte eine Arbeit weiter- 
zu Iühren, deren früher oder später eintretenden Ruin er 
mit Bestimmtheit voraussah.  Endlieh scheint er sich zur 
Rückkeln- entschlossen zu haben, und am 16.December 1506 
schreibt Chaumont, der vorerwähnte Generalstatthalter von 
Mailand, an die Signorie von Florenz, folgenden warmen 
Empfehlungsbrief, der für den Schreiber, wie für Leonardo 
gleich ehrenvoll ist. Alle, sagt er, die Leonardds Werke ge- 
sehen, hätten eine grosse Neigung zu ihm gefasst, ebenso 
auch er, der Schreiber des Briefes. Aber naehdem er hier 
mit ihm verkehrt und durch eigene Erfahnulg seine mannigfal- 
tigen Tugenden erprobt, habe cr wirklich gesehen, dass der 
Ruhm, den er in der Malerei erlangt hat, dunkel im Ver- 
gleich zu dem sei, den er wegen seiner andern ihm inne- 
wohnenden Tugenden verdiene. Er habe ihn in allen Din- 
gen, in der Zeiehnung, Baukunst u. s. w. als treiflich erprobt. 
Damit sage er der Signorie seinen Dank, er würde Alles, 
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