Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstästhetische Sünden
Person:
Waterloo, Dirk van
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1380793
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1381301
ÜBER 
MODERNE 
KUNSTKRITIK  
ohne gerade auf die Chinesischen Fusseinschnürungen kommen zu 
müssen, doch dem schönen Geschlecht einen ungraziösen, wack- 
ligen Gang a la Capitolsbefreierinnen möglichst erleichtern kann. 
Die Tiermalerei hat wohl an Quantität ab-, an Qualität 
jedoch zugenommen. Sie wird jetzt meist dazu verwendet be- 
rühmte Rennpferde, prämiierte Ochsen, Kälber und Schweine 
ihrem glücklichen Besitzer in ewigem Andenken zu bewahren. 
Ein riesiger Fortschritt gegen früher. Wie fallen dagegen selbst 
die reizendsten Tierstücke einer Rosa Bonheur ab, deren pracht- 
volle idyllische Hammel, deren sinnig weidende Kühe uns immer 
in banger Ungewissheit darüber lassen 0b ihre Woll- und Milch- 
produktion vor einem landwirtschaftlichen Preisgericht Wenig- 
stens einer Silbernen für würdig befunden werden? Blumen und 
Fruchtstücke zu malen ist nur noch aus dem Anfang dieses jahr- 
hunderts uns übererbten Malerinnen beschieden. Durch den 
ausgebildeten 
Farbenholzschnitt, 
durch 
die 
Chromolitho- 
und 
Chromophotographie ist dieser Zweig der Malerei, so weit er 
sich nicht aufs Ornamentale geworfen und im Kunstgewerbe 
neuen Boden gefasst hat, verblüht und im Absterben begriffen. 
Auf der tiefsten Stufe der Malerei stehen die Stillleben. 
Das Recept zu einem solchen ist sehr einfach: man nehme einen 
Tisch oder Stuhl  je wurmstichiger je besser  einige sehr 
hässlich-unästhetische oder sehr anmutige l-laushaltungsgegen- 
stände insbes. Krüge, Majoliken, Schüsseln, Gläser mit oder ohne 
Wein, allerlei essbare und nicht essbare Pflanzen und Früchte wie 
Trüffeln, lVlorcheln, Orangen, Zwiebeln, Champignons, Rettiche, 
Weintrauben, Rosen, Makartbouquets u. s. w., füge einige Zuthaten 
aus dem Tierreich hinzu wie einen Goldfisch, Hummer, Caviar, 
Truthahn, Schmetterling, Käfer oder Fliege, quirle das Ganze mit 
einigen Glanzlichtern und etwas Sonnenstaub tüchtig ab, konterfeie 
dies Konglomerat möglichst naturgetreu ab und ein prächtiges 
Stillleben ist fertig. Zur Zeit beherrschen den Kunstmarkt fast
        

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