Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstästhetische Sünden
Person:
Waterloo, Dirk van
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1380793
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1381253
THEORIE. 
vielmehr betrachtete er sie durch den durch und durch subjek- 
tiven Farbenschleier seines innerlich erregten Auges. Er sah in 
den Dingen immer nur sich selbst, eine wachsweiche Persön- 
lichkeit, die den Kampf mit der Aussenwelt gar nicht kannte. 
Makart war ein Farbenträumer. In die natürliche Organisation 
der Menschengestalt tiefer sich zu versenken, hat er nie gedacht. 
Nie ist ihm der Gedanke gekommen die Oberfläche des Leibes 
mit studierendem eindringenderen Blicke zu betrachten. Was 
ein Gelenk ist, hat er als Künstler nie gewusst und nie hat er 
das zarte Licht- und Farbenleben, das auf der menschlichen Haut 
spielt, einer ernsteren Betrachtung unterzogen. Bei ihm glänzt 
"alles wie eine Speckschwarte! Eben so wenig hat er sich in das 
psychische Leben eingetaucht. Seine Köpfe sind ohne Seele, 
ohne Geschichte, ohne Schicksal. Der äussern wie innern Wirk- 
lichkeit gegenüber stand er völlig hilflos da. Kein Wunder, dass 
er die mittelmässigsten Porträts gemalt hat, die je ein Pinsel 
geschaffen. Allein trotz aller dieser Ausstellungen, die auch we- 
niger als Tadel sondern nur als gewissenhafte Charakteristik 
seiner Künstlernatur aufzufassen sind, hat es Makart doch durch 
sein unbestrittenes Genie zu einer Höhe gebracht, die der Mitwelt 
gerechte Bewunderung abzwingt. Zwar ist ihm jeder intime zu 
Herzen gehende menschliche Zug fremd, aber wie eine rauschende 
Militärmusik wird er uns doch durch seine in mächtigen vollen 
Tönen angeschlagenen Farbenakkorde stets in festliche Stimmung 
versetzen. Makarts sittliche und künstlerische Kraft hat sich im 
NVeibe erschöpft. Er hat von der gesamten Schöpfung und ihren 
Schönheiten nur das Weib gekannt, aber auch das nur in seinem 
paradiesischen Naturzustand! 
Wenn 
wir 
einmal 
auf 
der 
Kultur- 
oder 
Sittlichkeitsstuf e 
stehen werden, einen nackten männlichen Körper schön zu finden, 
dann will ich meinen jetzigen Standpunkt in der Nuclitätsfrage  
den ich nämlich auch den Mut habe frei zu bekennen  verlassen.
        

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