Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kunstästhetische Sünden
Person:
Waterloo, Dirk van
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1380793
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1381249
ÜBER 
MODERNE 
KUNSTKRITIK  
eine schöne Seele wohnen könne. S0 war es sehr erklärlich. 
dass bei der Verflachung der Kunst die antiken Bildhauer sich 
mit der leichteren Darstellung jenes allein begnügten. Welch 
eminenter Unterschied ist z. B. zwischen der Venus von Milo und 
der Medicäischen? Beide von einer körperlichen Schönheit zum 
Entzücken, aber jene voll Adel, Hoheit und Seele, diese mehr 
einem koketten Kammerkätzchen vergleichbar! 
Trotzdem hat uns die Antike ungefähr gleichviel männliche 
wie weibliche nackte Statuen hinterlassen. Angenommen, aber 
nicht zugegeben, dass der unbekleidete menschliche Körper 
die höchste und schönste Aufgabe der Kunst ist, warum leisten 
sich dann alle heutigen Nuditätskoryphäen auch nicht einen 
männlichen nackten Körper? Wenn freilich die Makartschen 
5 Sinne durch 5 männliche Modelle dargestellt worden wären, 
hätte von unserer gesamten kunstsinnigen Herrenwelt auch 
nicht einer die 2 Mark Entree dran spendiert und unsere sitt- 
same Damenwelt wäre sicherlich wenigstens nicht am hellen Tage 
in die Makartausstellung gerannt. 
Allerdings haben diese 5 weiblichen Gestalten nicht ihres- 
gleichen. Aber man muss über diese Unvergleichlichkeit etwas 
reflektieren. Dass sie glänzend sind und wirkungsvoll, wer wollte 
das bezweifeln, wenn er Augen hat. Aber dass sie blos glä nzend 
sind und durch ihren Glanz erst wirkungsvoll, darüber lehrt ein 
zweiter Blick auf sie. Es ist glänzende Oberfläche und nichts als 
Oberfläche, es ist Dekorationsmalerei, Farbenschmuck in einem 
gedachten oder gegebenen Raume. Makarts Auge war ganz auf 
die Farbe angelegt, aber nicht auf eine Farbe, die sich der 
Künstler als ein Mittleres zwischen Anschauung und Wirklichkeit 
schafft, wodurch er zugleich seinen Gegenstand und seine eigne 
Empündung verständlich macht, sondern auf eine Farbe durch- 
aus persönlicher Natur, die er den dargestellten Gegenständen 
verlieh. Makart frug nie den Dingen ihr Farbengeheimnis ab.
        

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