Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Deutsches Kunstleben in Rom im Zeitalter der Klassik
Person:
Harnack, Otto
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377511
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1378514
erster 
Goethe's 
alt 
Aufenth 
1786- 
Rom 
1787. 
55 
des Schicksals wird. Dass dabei die Urteile im Einzelnen 
in dem Bann ihrer Zeit stehen, ist selbstverständlich. 
Goethe kam nicht als Kenner antiker Kunst nach Rom, 
Sondern als Lernender, als Schüler von Winckelmann 
und Mengs. Welche Hymnen hatte nicht Winckelmann 
dem Apoll von Belvedere "gewidmet? wie sollte nicht 
Goethe zuerst den genialen Schwung dieses Werkes be- 
wundern, ohne sich durch kritische Bedenken einnehmen 
zu lassen? Aber schon nach wenigen Tagen fühlte er, 
(lass die wesentliche Aufgabe sei, die einzelnen Epochen 
des alten Rom zu sondern, eine Arbeit, die freilich Jahre 
erfordern müsse! Und sein eigenes Urteil entivickelte 
sich rasch zur Selbständigkeit. 
In der neueren Kunst gehörte sein Herz von Anfang 
an Rafael, dessen heitre Grösse gerade das ihm gewährte, 
was er bei seiner Flucht aus den engen und durch ein 
persönliches Missverhältnis getrübten Weimarer Ver- 
hältnissen gesucht hatte; die Loggien und Stanzen wurden 
ihm Statten des vertrautesten geistigen und seelischen 
Geniessens; aber zugleich auch des Lernens; denn in die 
Gesetze von Rafaels Schaffen einzudringen, die Klarheit 
und Angemessenheit seines künstlerischen Denkens sich 
zu vollem Bewusstsein zu bringen, erkannte er als eine 
ernste Aufgabe. Ferner blieb Michelangelo seinem 
künstlerischen Denken; er erwies sich auch darin als 
ein Sohn seiner Zeit; andererseits aber fasste er die rein 
persönliche Grösse des Florentiners doch mit ganz anderem 
kongenialem Verstehen und Empfinden auf als seine Zeit- 
genossen. 
So viel er aber zu schauen und zu lernen hatte, 
dennoch wurde er sogleich auch ein Lehrer und Erzieher. 
Ueber seinen Umgang mit den Künstlern sind uns aus 
dem erstmaligen römischen Aufenthalt Wenig direkte 
Zeugnisse erhalten; aber wir können auf ihn zurück- 
schliessen aus dem dankerfüllten Bericht des uns schon 
bekannten Karl Philipp Moritz. „Der Herr von G." 
schrieb Moritz am 20. November in sein Tagebuch, Mist 
hier angekommen, und mein hiesiger Aufenthalt hat da-
        

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