Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375724
NACHAHMUNG 
UND 
STIL ; 
MEISTERSCHAFT; 
KLASSIZITÄT. 
äusserlichen und unerheblichen Manier. So ergiebt sich beispiels- 
weise bei einer Vergleichung Rembrandts und Rafaels, dass ein guter Teil 
der Verschiedenheit ihrer Darstellungsweise auf Rechnung der gewählten 
Erscheinungsbedingungen, nämlich der vorausgesetzten Beleuchtung 
gebracht werden muss. Man könnte insoweit sagen: wenn Rafael das 
hätte darstellen wollen, so hätte er auch so malen müssen. Die Gegen- 
stände Rembrandts geben bei vielfacher Unschönheit, ja Hässlichkeit 
des F igürlichen in höherem Grade die Kraft der Ölfarbe zu erkennen, 
als diejenigen Rafaelsf) 
 Durch die Combination aller der genannten Faktoren erklärt sich 
die ungeheure Anzahl verschiedener individueller Stile mit Leichtigkeit; 
der Spielraum des Individuellen bleibt aber auch dann noch sehr gross, 
wenn wir blos tadellose Leistungen zulassen. Die Verschiedenheit der 
zulässigen Manier kommt dabei besonders in Betracht. Wir halten 
uns ausserdem vernünftigerweise an die überwiegenden Vorzüge der 
Kunstwerke, wenn dieselben auch diese oder jene an sich unzulässige 
Eigentümlichkeit des Meisters verraten sollten?) 
Die Meisterschaft ist der Vollbesitz des künstlerischen Kön- 
nens im Verhältnis zur künstlerischen Absicht. Wir bezeichnen 
das Kunstwerk gegebenenfalls nach zwei Richtungen hin als meister- 
haft: i) wenn im Bereich der nachahmenden Künste das Bild der be- 
absichtigten Vorstellung in ihrer ganzen Tiefe entspricht. S0 reden 
wir z. B. von einem "meisterhaften Bildnis"; damit ist bezeichnet die 
vollkommene realistische Kraft des Künstlers. 2) WVenn die technische 
Procedur, durch welche das Kunstgebilde hervorgebracht wurde, den 
I) Rumohr sieht mit Recht ein eigentliches Malerische in der Darstellung von 
Licltt und Luft. Vergl. a. a. O. S. 3. 
2) S0 sagt Rumohr: „W'ir werden demnach, bestärkt durch das Beispiel aller 
wirklichen, thätig eingreifenden Kunstfretinde, nicht etwa ein römisches Originalwerk 
verwerfen, weil es kein griechisches ist, noch ein neueres, weil es eben mit antiken 
Werken nicht die geringste äussere Ähnlichkeit zeigt. Vielmehr werden wir anzu- 
nehmen gezwungen sein: dass die sittliche Anmut vorraphaelischer Italiener, die 
Treue und Gemütlichkeit gleichzeitiger Deutschen, der umfassende Sinn der Zeit- 
genossenschaft Raphaels, sogar die volle Empfindung, mit welcher die Holländer im 
siebzehnten Jahrhundert sich dem Eindruck des ihnen sinnlich Vorliegenden- hinge- 
geben, olme einige Ausnahme für gute und löbliche Richtungen der allgemeinen 
Kunstanlage zu achten sind." (S. a. a. O. S. 120.) Übrigens anerkennen wir keines- 
wegs, indem wir uns an dem mehr oder weniger einseitigen Verdienst einer Rich- 
tung erfreuen, dieselbe als schlechthin verehrungswiirdig oder gar mustergültig. Aber 
in letzter Zeit scheint es bisweilen, als wollte man den japanischen Gamma Sennin 
dem Hermes des Praxiteles gleichstellen.
        

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