Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375596
DER 
STIL. 
ich glaube, nie gegeben. Es handelt sich aber auch nicht um Material- 
stil; denn weder die Ölmalerei, noch der Holzschnitt, noch auch die 
Steinbildnerei nötigt zu einer solchen Darstellungsweise. Wenn ich 
vielmehr die Formgebung eines Dürerschen Werks, wie z. B. des Abend- 
mahls in der „grossen Passion," in ihrer Gesamthaltung überblicke, 
so finde ich die grösste Verwandtschaft mit gleichzeitigen Skulptur- 
werken wie denjenigen des Michael Wohlgemuth, Veit Stoss, Tilman 
Riemenschneider. Und wenn man sich nun daran erinnert, dass die 
gotische Bildnerei in grosser Abhängigkeit von der gotischen Baukunst 
gestanden hat, wenn man sieht, wie auf den gotischen Schnitzaltären 
die schweren F altenmassen der Gewänder der durchbrochenen Archi- 
tektur der Tabernakel das Gleichgewicht halten und das ganze Bild 
durch ein gemeinsames Formprinzip gebunden erscheinen lassen, und 
wenn man bemerkt, dass dieses F ormprinzip auch die Behandlung des 
Haupthaars beherrscht, so ist es wohl nicht ungerechtfertigt, in der in 
Rede stehenden Erscheinung dieFolge einer allgemeinen Gewöhnung 
an jene zackigen und krausen Formen der Gotik, namentlich der 
späteren, und eines hieraus entstandenen allgemeinen, auch die freien 
nachahmenden Kunstwerke beherrschenden Formbedürfnisses zu er- 
blicken, in der NVeise, dass sich zwischen die Natur und das Auge 
der Künstler ein subjektives Phantasiebild schob, welches jene Eigen- 
tümlichkeit bewirkte?) Dass wir trotz derselben eine im Einzelnen 
tiefere realistische Kraft der Darstellung an ihren NVerken vorfinden, 
als an den Bildwerken der vorausgegangenen Epoche, ist keine Frage. 
Aber man vergleiche z. B. die Statuen Kaiser Heinrich's II. und seiner 
Gemahlin am Dom zu Bamberg mit dem Grabmal derselben Persönlich- 
keiten von Tilman Riemenschneider daselbstz), und man wird die 
objektivere und freiere, kurz die naturalistisch richtigere Kunstweise 
bei freilich weniger ausgebildetem Können doch wohl auf jener Seite 
finden. Das Charakteristische der Darstellungsweise des I5. Jahr- 
hunderts liegt  durchschnittlich  darin, dass sie zwar die idea- 
listische Fähigkeit der Kunst, eine Neuschaffung schöner Gegenstände, 
„platonischer Ideen", vorzunehmen, wenig benutzte, indem sie mehr 
auf einfache Nachahmung gegebener Erscheinungen ausging, dass 
I) Bei Rumohr finde ich (a. a. O. I S. 293) folgende Bemerkung: „1n Deutschland 
liebt man jegliches byzantinisch zu nennen, worin die späteren, erst in den bild- 
nerischen Verzierungen der gotischen Baukunst entwickelten Eigen- 
tümlichkeiten der deutschen Schule noch nicht hervorsprechen." 
2) Beide abgebildet in der "deutschen Kunstgeschichte" (Berlin bei Grote 1887) 
II S. 65 und 173.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.