Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375580
NACHAHMUNG 
UND 
STIL; 
MEISTERSCHAFT; 
KLASSIZITÄT. 
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oder gleichzeitig bei Künstlern und Publikum eine Gewöhnung an diese 
Formen derart eintrat, dass denselben eine höhere Geltung als der 
Natur beigemessen, dass sie als ein unumgängliches Erfordernis der 
Vorstellung betrachtet wurden. Die Darstellungsweise der japanesen 
dagegen dürfte vielleicht beruhen auf einerfÜbertragung des Verhält- 
nisses gewisser Lineamente aus dem eigenen Volkstypus auf die Er- 
scheinungen der Tier- und Pflanzenwelt. Ein weiteres Beispiel eines 
subjektiven die Natur alterierenden Stils haben wir in unsrer eigenen 
Geschichte an der F ormgebung der deutschen Künstler des I 5. Iahr- 
hunderts. Verschiedene Kunstgelehrte haben sich bemüht, die knitterige 
Darstellung des Faltenwurfs in den Werken derselben zu erklären; ein 
Beweis, dass diese Erklärung keineswegs auf der Hand liegt. Semperl) 
spricht vom hervorragenden Einfluss des Atlas auf Malerei und Skulptur, 
welcher bei Dürer so recht bewusstvoll zur Geltung gekommen sei; 
offenbar habe derselbe andere Zeuge vor Augen gehabt als Titian, 
Paul Veronese und selbst Holbein. "Allein er sah tagtäglich dieselben 
Stoffe wie diese Meister, und der dargestellte ist sicherlich nicht Atlas. 
In seiner "Geschichte der Kostümez)" sagt Jakob von Falke: „Wenn 
bei den Künstlern dieser Zeit und später bei Dürer, seinen Schülern 
und Zeitgenossen, die Madonnen, die Engel und andere Personen frommen 
Glaubens an den F üssen stets mit Stoffmassen, mit einer Fülle ge- 
brochener Falten umwallt sind, so ist die Ursache in der Schleppe 
des burgundischen Hofes zu suchen, nur ist der Unterschied zu be- 
merken, dass bei den älteren und bei den niederländischen Meistern 
zumal der mächtige F altenstil schwerer Brokat- und Sammtstoffe vor- 
waltet, bei Dürer aber der Stil dünner, kleinknitteriger Seide." Als 
Seide sind aber die Stoffe Dürers durchaus nicht charakterisiert, sondern 
als Tuch mit vielfacher Verwendung einer unwahrscheinlich kleinen 
Falte; Seide sollte auch in den Gewändern der Apostel gewiss nicht 
dargestellt werden. Lübke führtö) die Erscheinung auf „eine malerische 
Tendenz" zurück; in seinem "Grundriss" hat er dieselbe deutlicher 
bezeichnet als "den Wunsch, durch die vielfach gebrochenen 
Falten den Glanz des Goldes und der Farben zu erhöhen," 
übrigens aber auch auf die bauschige Modetracht der Zeit hinge- 
wiesen. Man sieht, wie schwer der Sache beizukommen ist; auch diese 
Umstände mögen mitgewirkt haben, aber eine befriedigende Erklärung 
bieten sie nicht. Ein solches Gewebe giebt es nicht und hat es, wie 
I) A. a. O. I S. 158 f. 
2) Stuttgart, W. Spemann, S. 218. 
3) Gesch. der Plastik, Leipzig x871 
592.
        

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