Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375410
m2: SCI-IÖNHEIT. 
ein solches Urteil jedoch sinnlos. Denn bei den Erscheinungen, welche 
wir als rhythmische bezeichnet haben, nämlich den Reihungen, kann 
man nur sagen, der Rhythmus sei entweder gestört oder nicht gestört, 
und jede rhythmische Gliederung ist da, wo sie überhaupt angebracht 
ist, gleich schön. Der Ausdruck muss also einen anderen Sinn haben; 
"Rhythmus" bedeutet hier nicht jenes eigentümliche Element der Archi- 
tektur und Musik, sondern überhaupt "Bewegung"; "Eurhythmie" also: 
"schöne Bewegung". Was will dies besagen? 
Friedrich Vischer (Ästhetik S 57 I) meint, die Eurhythmie stelle 
„ein andeutendes Bild des Weltalls als eines zur reinen Harmonie 
geordneten Ganzen vor Augen." Das ist sehr tief gefasst, aber etwas 
allgemein. Damit können wir also wenig anfangen. 
Vitruv sagt im zweiten Kapitel des I. Buches seiner Architektur- 
lehre (und daher stammt überhaupt, soviel mir bekannt ist, der Aus- 
druck): „Die Eurhythmie ist das Ansprechende im Aussehen und ein 
hinsichtlich der Zusammenstellung der Glieder behaglicher Anblick. Sie 
wird erzielt, wenn die Glieder des Gebäudes im richtigen Verhältnis 
der Höhe zur Breite, der Breite zur Länge stehen und überdiess alle 
ihren symmetrischen Gesamtverhältnissen entsprechen." Dies scheint 
lediglich dasjenige zu sein, was wir Proportionalität nennen, und zwar 
insbesondere Proportionalität der körperlichen Massen. In dem ange- 
zogenen Kapitel will Vitruv die "Grundlagen der Baukunst" zusammen- 
fassen. Zu diesen zählt er naiv genug auch Grundriss, Aufriss und 
perspektivische Ansicht. Aber trotz dieser Verquickung ist auffällig, 
dass er von der Proportionalität hier nicht spricht, während doch 
Symmetrie und (äussere) Angemessenheit besprochen werden. Wo 
Vitruv ferner (Buch III, Kap. I) von Proportionalität spricht, stellt er 
an, zu untersuchen, wie sich die letzteren zur Idee verhalten, ohne 
welche Untersuchung eben nichts erklärt ist. Nun mag ganz richtig sein, dass, wie 
Göller ausführt, "unser Wohlgefallen an der Schönheit einer bedeutungslosen Form 
abnimmt, wenn deren Bild in unserm Gedächtnis allzudeutlich und vollständig wird." 
Allein wenn die Verhältnisse in den Statuen des Lysippos tadelfrei sein sollen, so 
muss dazu eine Veränderung dexvZweckbestimmung des menschlichen Körpers vor- 
ausgesetzt werden, und sie sind nicht tadelfrei, wenn eine blosse Geschmacksrichtung 
auf gestrecktere Verhältnisse der Bildung der unteren Extremitäten zu Grunde lag. 
Die Veränderungen der Architekturstile lassen eine forrnalistische Erklärung zu 
(es kommt nur noch darauf an, ob sie auch historisch zutriEt); aber ihr ästheti- 
scher Wert wird durch eine solche Erklärung gar nicht betroffen. Darum ist es 
eine blosse Täuschung, wenn man glaubt, durch Aufstellung eines Gesetzes der 
Veränderung des formellen Schönheitsgefiihls bewiesen zu haben, dass alle Stile 
gleichen Rang haben, zumal ein solches "Gesetz" blosse Hypothese ist und 
bleiben muss.
        

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