Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375401
DIE EINZELNEN ERSCHEINUNGSFORMEN DER FORMELLEN SCHÖNHEIT. 
"Eurhythmie." 
Bisweilen spricht man von „Eurhythmie" wie von einem 
Weiteren formellen Schönheitsgesetz. Sofort wird fraglich, auf was sich 
dasselbe denn überhaupt noch erstrecken könne. In der That liegt 
hier lediglich ein unklarer Ausdruck und Begriff vor. Er besagt, "der 
Rhythmus sei schön." Nach unsrer Auffassung des Rhythmus wäre 
An Stelle des abgewiesenen Gesetzes einer bleibend gültigen Schönheit be- 
stimmter Proportionen tritt bei Göller das Gesetz der mathematischen Reihe, welches 
auch der architektonischen Reihung zu Grunde liegt, übrigens aber davon unter- 
schieden werden muss. Göller erblickt in der Reihe das einzige allgemein gültige 
Gesetz der Formästhetik und fasst dessen Inhalt (S. 157 a. a. O.) in folgende Sätze: 
„1) die Schönheit der "bedeutungslosen Formen" beruht auf der Kombination von 
Reihen; 2) die Störung einer solchen Reihe ist eine Störung der Kombination und 
damit eine Störung der Schönheit; 3) bilden die Glieder kombinierter Reihen unter 
sich Kontraste, so erhöhen diese die Schönheit und Mannichfaltigkeit der Formen; 
dagegen ist Verschiedenheit ohne Verbindung mit Reihen wirkungslos. Nach Göller 
ist die Reihe nicht mehr bloss das mathematische Prinzip der architektonischen 
Reibungen, sondern sie wirkt im Verhältnis aller möglichen Architekturteile und führt 
endlich die Einheit eines ganzen Baustils durch die WViederkehr der Grundelemente 
seiner Formen herbei. Damit hat jedoch der Verfasser seiner geistreichen Hypo- 
these ein zu grosses Gebiet angewiesen. Denn die Einheit eines Stils beruht nicht 
oder nur in einer ganz untergeordneten Beziehung auf der Ähnlichkeit bedeutungs- 
loser Formen. Obgleich Göller sich dagegen verwahrt, dass er über mehr rede, als 
inhaltslose Formen, so fehlt er doch dadurch, dass er Formen als bedeutungslos be- 
handelt, welche es ästhetisch nicht sind. So führt er z. B. an, dass derjenige Arm 
für uns der schönste sei, der die grösste Zahl der Ziige des Armes, die wir im 
Gedächtnis tragen, widerspruchslos zu treffen vermöge; das ist die Kantische Normal- 
idee. Allein die Schönheit des Armes beruht im wesentlichen auf seiner zwecklichen 
Bedeutung, und sobald es einmal überhaupt hierauf ankommt, kann man den an- 
geführten Satz entweder gar nicht mehr aussprechen, oder man ist nicht mehr 
"Idealist", sondern "Formalist." In einer "Selbstanzeige" seines Buches in der Zeit- 
schrift „Der Kunstwart" (Jahrg. I, 1887, 1 Stück) erklärt Göller: „Die Ästhetik 
unserer Zeit lässt nicht von der Vorstellung, dass die Schönheit eine unveränder- 
liche, vom menschlichen Geist unabhängige Eigenschaft der Dinge sei; die sprüch- 
wörtlich gewordene Verschiedenheit des Geschmacks erklärt sie nur mit einer un- 
vollständigen Ausbildung oder Verirrung des Schönheitsgefühls.  Mit dieser Vor- 
stellung vom Wesen der Schönheit wird man niemals die Gegensätze der Meister 
und Schulen begreifen etc." Zunächst ist hier zu bemerken, dass von keiner Seite 
behauptet worden ist, die Schönheit sei unabhängig vom menschlichen Geiste. Von 
den Schwankungen eines bloss formellen Schönheitsgefühls aber kann sie ohne ver- 
fälscht zu werden nur dann abhängen, wenn und insoweit sie selbst bloss formelle 
Schönheit ist. Da aber diese letztere nur eine Beziehung, und zwar die niedrigste, 
der Schönheit ausmacht, so kann sie in dem verschiedenen Verhältnis der Schulen 
und Stile auch nicht ausschlaggebend sein, sondern es kommt vielmehr darauf
        

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