Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375347
ERSCHEINUNGSFORMEN DER FORMELLEN SCHÖNHEPT. 
DIE EINZELNEN 
49 
geschlossenheit des Ganzen nach aussen und der erkennbaren Be- 
stimmung der einzelnen Teile für einen Gesamtzweck, mit einem 
Worte, aus dem Begriff des Ganzen. Daher kann man nicht be- 
haupten, alle Gebäude müssten symmetrisch sein. Ein for- 
meller Einheitsausdruck kann und soll aber jedenfalls liegen in der 
Unterordnung der verschiedenen körperlichen Massen unter sich und 
unter einen dominierenden Gebäudeteil, d. h. in der einheitlichen 
Gruppierung der Bestandteile des Hauses. Die Einheitsachse kann an 
irgend einem Punkte des Grundrisses sich erheben, z. B. in Gestalt 
eines Turmes oder Hauptbaues, ja sie kann schliesslich eine nur ge- 
dachte sein; jedoch muss von jeder beliebigen Seite ein auf jene Achse 
zu in schönen Verhältnissen bewegtes Bild erscheinen. Das ist aber 
eine gegenseitige Unterordnung proportionierter Massen. 
Die Forderung einer einheitlichen Komposition in der Architektur ist 
ganz dieselbe, wie sie gegenüber freistehenden Gruppen der Plastik 
gestellt wird; und hiefür ist Massensubordination der treffende 
Ausdruck. Wenn an einem Gebäude die Symmetrie keine Anwen- 
dung gefunden hat, so pHegt man von dessen "malerischer" Anord- 
nung zu sprechen.  
Unter der sog. "malerischen Schönheit" eines Gebäudes 
kann man nur verstehen, dass es, als Fläche angeschaut, ein schönes 
Bild giebt. Man denkt dabei aber weniger an eine farbige Wirkung, 
als an eine körperliche, und es bleibt somit eine „architektonische 
Schönheit" als Gegensatz übrig, weil sonst der Ausdruck überHüssig 
wäre. Allein es giebt in Linien und körperlichen Formen für Archi- 
tektur und Malerei nicht jeweils eine besondere formelle Schönheit, 
sondern die Schönheitsgesetze der sinnlichen Eindrücke für das Auge 
müssen in allen Fällen dieselben sein, weil sie vom Auge, nicht aber 
von jenen abhängen. Dass ein angeschautes Gebäude in seinen Linien 
schön bewegt sein müsse, das wird nicht bloss von irgend einer Seite 
desselben verlangt, die sich der Maler heraussuchen könnte, sondern 
von allen Seiten, und dasselbe ist bei den Werken der Plastik der 
Fall. Daher ist dies gar keine speziell malerische Schönheit, oder die  
damit bezeichneten Erscheinungen gehören nicht ausschliesslich der 
Malerei an. Der Gebrauch jener Bezeichnung erklärt sich aber aus 
der Gegenüberstellung unsymmetrischer Gebäude und der 
durchweg symmetrischen Gebilde cler monumentalen Archi- 
tektur. Bauwerke letzterer Art pflegen sich nämlich zu einer male- 
rischen Verwendung weniger zu eignen, jedenfalls weniger als die- 
jenigen, welche bloss durch Massensubordination geordnet sind. Ein 
Bauwerk ist jedoch keineswegs danach zu beurteilen, 0b es sich in 
Alt, System der Künste. 4
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.