Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375303
DIE EINZELNEN ERSCHEINUNGSFORMEN DER FORMELLEN SCHÖNI-IEIT. 
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oder Begriff beteiligt ist. Die blosse Form soll wohlthuend und darf 
nicht verletzend wirken, es sei denn, dass eine hässliche Erscheinung 
aus ideellen Gründen erfordert wäre. Es giebt aber auch gewisse Er- 
scheinungen der formellen Schönheit, welche nicht an und für sich, 
sondern erst auf Grund von Begriffen gefordert werden können. Ihr 
formelles Gesetz hat daher nur insoweit Geltung, als sie in Anwendung 
gebracht sind. Derart ist z. B. die Symmetrie beschaffen. Ihr Gesetz 
verlangt, dass die beiden nebeneinander liegenden Hälften eines auf- 
recht angeschauten Gegenstandes vollständig kongruent seien. Der 
geringste Fehler in den Abmessungen dieser Hälften wirkt rein formell 
verletzend. Aber die Symmetrie eines Gegenstandes selbst kann nicht 
etwa aus formellen Gründen verlangt werden, sondern nur aus ideellen. 
Dagegen muss der LinienHuss einer angeschauten Erscheinung in allen 
Fällen ein wohlthuender sein und ebenso die Proportion ihrer Teile. 
Die Symmetrie kann unser Schönheitsgefühl sogar verletzen, wenn wir 
nämlich, wie in einem Landschaftsgemälde, eine völlig freie Bewegung 
der dargestellten Gegenstände verlangen; denn die symmetrische Form 
ist eine streng gebundene. Ob ein F ormgesetz rein formell ist oder 
begiifflich bedingt, soll in jedem Falle besonders erwogen werden. 
Denn einleuchtend kann ohne Kenntnis dieses Verhältnisses von einer 
richtigen Anwendung der F ormgesetze keine Rede sein. I) 
Alle Erscheinungen für das Auge sind farbig. Die Lehre von 
den schönen Farbenzusammenstellungen soll jedoch erst am Schluss 
dieser Untersuchung behandelt werden. 
Linienfluss. 
Was die körperliche Form anbelangt, so wünscht das Auge vor 
allem einen ungestörten Linienfluss. Diese Forderung duldet keine 
Sehr weitgehende Analyse. Man tadelt scharfe Ecken, lange gerade 
I) Ich behandle schon hier die einzelnen Erscheinungen der formellen Schönheit 
wesentlich so, wie sie in der Architektur und dem sogen. Kunsthandwerk vorkommen. 
Denn in dieser Sache ist die Architektur von hervorragender Bedeutung und liefert 
das Material vollkommen umfassend, sodass die übrigen bildenden Künste nur von 
ihr zu entlehnen brauchen, was für sie besonders massgebend ist. Dieselbe Rolle 
Scheint für die redenden Künste die Musik zu spielen. Daher sagte Semper, keine 
Kunst könne den legislatorischen Rückhalt dieser "kosmischen" Künste entbehren. 
Indessen hat das formell Schöne in den redenden Künsten eine geringere Bedeutung 
und beschränkt sich beinahe ganz auf die Gesetze der Rhythmen und Reime. 
Der hier behandelte Gegenstand fordert ein spezielles Interesse, und im Zu- 
Sammenhang dieses Buches entsteht durch Übergehung der folgenden Untersuchungen 
keine unmittelbare Lücke.
        

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