Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375256
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DIE SCHÖNHEIT. 
auswählen kann. Unmöglich kann ferner behauptet werden, die Dar- 
stellung organisch schöner Körper sei von der Malerei ausgeschlossen, 
weil dies eigentlich der Gegenstand der Plastik sei. Das organisch 
Schöne ist in der Tliat mit dem „plastisch Schönen" identisch. In 
den anerkannt höchsten Leistungen der Malerei ist aber durchweg 
auch plastische Schönheit dargestellt (Rafael), und gerade bei NVerken 
von ausgesprochen koloristischer Tendenz ist dies der Fall (Vene- 
zianer, Makart). Diejenige Schönheit, welche in der Architektur eine 
besondere Betonung finden soll, ist die Proportionalität der von ihr 
geschaffenen Räume und, Massen. Dies muss deshalb der Fall sein, 
weil die Architektur eben Räume darstellt. Eine der Architektur 
spezifische Schönheit der Proportionalität kann man aber darum nicht 
annehmen, noch auch das organisch Schöne von ihr ausschliessen; 
denn sie stellt als Kunst organische Raumkörper dar. Aus den an- 
geführten Thatsachen folgt, dass das Schöne sich nicht auf die ein- 
zelnen Kunstarten in der Weise verteilen lässt, dass ihnen jemals die 
Darstellung einer besonderen Art desselben ausschliesslich zukäme. 
Das Schöne kann vielmehr nur in seine verschiedenen Be- 
ziehungen zu unserem Bewusstsein geteilt werden, und es 
können sowohl mehrere dieser Beziehungen in einem Kunstwerke zu- 
sammentreffen als verschiedene Kunstarten in der gleichen Beziehung 
des Schönen wirken. 
Man kommt über unsere Frage nicht ins Reine, wenn man sich 
nicht von vornherein auf den Standpunkt stellt, dass die Kunstarten 
nur Mittel der Nachahmung oder sonstigen Darstellung, aber nicht für 
sich Gegenstand der Betrachtung sind, und_dass deshalb auch nicht 
etwa ein Schönes der Kunstarten, sondern ein Schönes an jenen Nach- 
ahmungen und Darstellungen ihr Ziel ist. Betrachtet wird das Dar- 
gestellte und dessen Schönheit, aber nicht das Schöne einer Kunstart. 
Allein die Künste sind nun allerdings zur Darstellung gewisser Be- 
ziehungen des Schönen jeweils besonders geeignet, wie z. B. das 
körperliche Darstellungsmittel, die Skulptur, für das organisch Schöne 
der Körper der Lebewesen. Es ist daher, wenn Gegenstände in 
der Absicht auf Schönheit nachgeahmt oder dargestellt werden, natur- 
gemäss, dass der Künstler vorwiegend in demjenigen Ge- 
biete des Schönen zu wirken sucht, in welchem zu wirken 
seine Kunstart am besten geeignet ist. 
Man wird deshalb für die Darstellung durch Malerei nicht etwa 
vorzugsweise Gegenstände aussuchen, welche plastisch schön sind, zu 
einer farbigen Wirkung aber wenig Gelegenheit bieten, sondern Gegen- 
stände letzterer Art; und man wird die Skulptur der Darstellung
        

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