Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375235
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m1; SCHÖNHEIT. 
Verlaufes einer Begebenheit auf den Beschauer, also im Re- 
sultat dieses zusammenhängenden, einheitlichen Verlaufes; es besteht 
in der Schönheit der durch das Miterleben von Begebenheiten regel- 
mässig erzeugten ethischen Affekte. Das Wohlgefallen durch Wahr- 
heit erstreckt sich natürlich auch auf die Wiedergabe von Handlungen 
oder Begebenheiten. 
Damit haben wir die verschiedenen Beziehungen, in welchen eine 
Erscheinung schön wirken kann, festgestellt. Es wird jedoch vor- 
kommen, dass mancherlei Eindrücke von Gebilden der Kunst oder 
Natur, welche sich als schöne darstellen, durch eine Analyse auf jene 
Beziehungen nicht vollständig erklärt werden können. Allein es ist 
ja wohl selbstverständlich, dass allgemeine Regeln im Verhältnis zu 
der unendlichen Fülle und Tiefe gewisser Kunstwerke immer starr 
und äusserlich bleiben; es kommt darauf an, dass man dies zugesteht; 
allein ihre allgemeine Gültigkeit wird dadurch nicht aufgehoben. 
Die Möglichkeit, etwas an sich nicht Schönes schön darzustellen 
liegt für die bildende Kunst besonders im Gebiete der formellen Schön- 
heit; in vielen Fällen jeder Art aber liegt sie auch darin, dass "der 
Künstler, nach den Umständen, durch leichten Spott oder bitteren 
Ernst den Gesichtspunkt feststellen kann, aus welchem sein Gegen- 
stand überhaupt aufzufassen, "und wirklich von ihm selbst erfasst wor- 
ist einzugestehen, dass „die blosse Schärfe und Deutlichkeit der Charakteristik"  
"für sich selbst eine Abart der dritten symbolisch-ethischen Schönheit bilden müsse" 
(S. 145). "Auch Schiller, welcher den dritten, ganz ethischen Teil der Schönheit 
höchst meisterlich durchdacht, unterscheidet denselben mit grosser Schärfe, wenig- 
stens von dem zweyten, den er den architektonischen nennt" (S. 138). Es bedarf 
keiner Ausführung, dass Rumohr hier eine grosse Verwirrung anrichtet. Sollte man 
nicht denken, die "natürliche Symbolik der Formen" sei eben das architektonisch 
oder organisch Schöne? Dann würde aber Rumohrs zweites Schönheitsgebiet ganz 
überflüssig werden. jedoch nennt er es ein ganz ethisches Schöne, was sich doch 
nur auf diejenigen Erscheinungen erstrecken kann, die ein Ethos des Menschen aus- 
dIüCkCn, nämlich Gesichtszüge und Handlungen. Dass endlich das Wohlgefallen 
durch Wahrheit nicht in demselben Sinne ethisch Schönes sein kann, sondern im 
Gegenteil eine ganz eigentümliche Stellung einnehmen muss, liegt atlf der Hand. 
Nur in den Kunstwerken soll es nicht für sich allein das Ziel der Kunst ausmachen. 
Dass man das Gefühl für die formelle und die organische Schönheit nicht durch 
Beweise erstreiten kann, ist selbstverständlich; viel eher dürfte das letztere durch 
Übung der Zweckthätigkeit des eigenen Körpers gestärkt und entwickelt werden. 
Über die einzelnen Erscheinungsformen des Schönen herrscht jedoch so wenig Streit, 
dass wir sie allgemein als objektiv feststehend ansehen und behandeln. Der Ge- 
schmacksstreit erstreckt sich gewöhnlich nur auf die richtige Subsumtion der einzelnen 
Erscheinungen unter die allgemeinen Regeln. Dann aber erfolgt er aus logischen 
Gesichtspunkten und lässt daher auch eine Beweisführung zu.
        

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