Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375212
36 n. DIE SCHÖNHEIT. 
Die Hauptgesetze der formellen Schönheit bestimmen sich als 
"Symmetrie", "Rhythmus" und "Proportion", daneben Raumkomposi- 
tion, Linienfluss und Massenproportion (event. Eurhythmie), für Raum- 
erscheinungen, Harmonie und Rhythmus für die zeitliche Sinnes- 
erscheinung der Musik. Ferner gehört hierher die ganze malerische 
Farbenlehre. Die formelle Schönheit hat mit der platonischen Idee 
nicht das mindeste zu schaffen?) 
 
Ausserdem kommt ungestörte Einheitlichkeit des Formprinzipes, Stil, in Betracht. So 
ist z. B. das romanische Profil, welches zur gebogenen Nase ein energisch vor- 
springendes Kinn fügt, dadurch schön. „Sittliche Ideen" kommen daneben in Be- 
tracht als seelische Schönheit: die sittliche Verfassung eines Menschen wirkt im 
Gesichtsausdruck und verfestet sich möglicherweise auch zu bleibenden Zügen 
(Schiller a. a. O. Abs. 48.) 
Man pflegt zu sagen, Schönheit sei überall Sache der Form, und Kunstleistungen 
nach "Form und Inhalt" zu beurteilen. Aus der Thatsache, dass hierbei die Form 
sowohl die Form der Darstellung als der Erscheinungen, und letztere wieder Form 
durch Inhalt und blosse Form sein kann, ergiebt sich, dass wir es auch hier mit 
einem Schlagwort zu thun haben, das für sich allein undeutlich ist und häufig Ver- 
wirrung anrichtet, wenn nicht im einzelnen Fall noch nähere Erklärungen hinzutreten. 
I) Kant unterscheidet zwischen einer "freien" und „bloss anhängenden" 
Schönheit (a. a. O. S 16). Diese Unterscheidung deckt sich im Ganzen genommen 
mit derjenigen zwischen formeller und organischer Schönheit. "Anhängend" (d. h. 
einem Begriff anhängend, nach welchem die Vollkommenheit eines Gegenstandes 
vorgestellt wird) ist „die Schönheit eines Menschen, eines Pferdes, Gebäudes  frei 
ist die Schönheit bunter Vögel, einer Menge „Schaltiere des Meeres", der Zeich- 
nungen auf "Papiertapeten", dessen, „was man in der Musik Phantasien nennt, ja der 
ganzen Musik ohne Text." Wenn man in der Ausdrucksweise Kants ein Urteil über 
den Wert der beiden Beziehungen der Schönheit sucht, so liegt nahe, dass dadurch 
die freie Schönheit, wo das Geschmacksurteil als „rein", d. h. nicht durch irgend- 
welchen Begriff bestimmt erscheint, der anhängenden übergeordnet wird, was nicht 
angeht. "Desshalb versteht man heute unter anhängender Schönheit solche, die 
äusseren Zwecken dient, unter freier Schönheit solche, die nur der Ausdruck einer 
inneren, immanenten Schönheit ist, braucht also diese Worte ganz anders, als der 
Urheber sie gemiinzt hat" (vergl. v. Hartmann a. a. O. S. I6 Abs. 2), d. h. man 
unterscheidet zwischen freier und dienender Schönheit. Damit ist jedoch an der 
kantischen Einteilung der Erscheinungsarten des Schönen nichts verbessert. Zunächst 
ist hier zu bemerken, dass nicht die Schönheit dient, sondern allenfalls die Kunst- 
werke. Dienende, nämlich dem menschlichen Gebrauch dienende, Kunstwerke kann 
man sodann diejenigen der Architektur und der Redekunst nennen, im Gegensatz 
zu allen übrigen. Allein ästhetisch kommt dieses Dienen eben nicht materiell in 
Betracht, sondern nur in der blossen Vorstellung als Bestimmungsgrund der Zweck- 
mässigkeit, und nunmehr ist es einfach falsch, von der anhängenden Schönheit der 
dienenden Kunstwerke die Schönheit derjenigen Gestalten als "freie" zu unterscheiden, 
welche angeblich nur nach der "inneren, immanenten Zweckmässigkeit" beurteilt
        

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