Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375188
DIE VERSCHIEDENEN BEZIEHUNGEN DER SCHÖNI-IEIT. 
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männlichen Strenge abweichen dürfte; jene wird freilich allemal der 
„Idee" näher stehen. Darin bestätigt sich, dass es in Wahrheit nur eine 
einzige Vorstellung des vollkommenen Weibes giebt. Den konkreten 
Ideen gegenüber kommt aber die Befriedigung durch das unmittel- 
bare Anschauen um so leichter zu Stande, je einfacher ihre Voraus- 
setzungen sind, d. h. je Weniger Sonderzwecke in ihnen gedacht 
werden müssen. Daher ist vollständig zutreffend, was Fr. Vischer 
(a. a. O. S I7) sagt: "jede Gattung ist die Besonderung oder Art 
einer höheren Gattung  je höher in dieser Reihe eine Idee steht, 
desto grösser muss auch die Schönheit sein." Wenn er jedoch fort- 
fährt: "Aber auch je die niedrigere enthält die wesentliche Bedingung 
der Schönheit"  so kann diese Bedingung nur die Realität der Vor- 
stellung ihrer Besonderung sein. I) 
"Charakteristisch" sind diejenigen Merkmale einer Erscheinung, 
welche eine besonders deutliche Vorstellung des Wesens ihrer Indivi- 
dualität geben. Man weiss, dass der Begriff des Charakteristischen 
Goethe vielfach beschäftigte. In der That bietet die Bestimmung dieses 
offenbaren Widerspruches mit der platonischen Idee die grösste 
Schwierigkeit, wenn man nicht von dem Prinzip des Realismus aus- 
geht. Vollkommenheit kommt dem Eigentümlichen, welches das In- 
dividuum schafft, seiner Natur nach nicht zu. Wenn also das 
Charakteristische gefällt, so kann es nur gefallen durch 
Realität; es gefällt nebenbei durch Einheit, welche wieder begründet ist 
in der Realität eines bestimmten Individuums  Ich würde in 
diesen Schluss aus Begriffen kein grosses Vertrauen setzen, wenn ich 
ihn nicht in den Thatsachen durchweg bestätigt fände. Ich führe 
beispielsweise an den Colleoni des Verocchio. Das Charakteristische 
an ihm gefallt; dasselbe besteht aber darin, dass das Wesen eines 
Kriegsmannes mit höchster Kraft in ihm zum Ausdruck gebracht 
ist. Was der Oper "Carmen" ihren berechtigten Erfolg in erster 
Linie eintrug, das ist die für unsere Empfindung unübertrefflich rea- 
listische Darstellung des spanischen Nationalcharakters in Musik und 
Dichtung d. h. eben das Charakteristische an ihr. Es muss nun aber, 
wie mit der fortgesetzten Konkretisierung der Idee die Schönheit, so 
mit der Menge der Merkmale der Individualität deren Klarheit und 
realistische Kraft schwinden. Daher haben die obersten konkreten 
Ideen, zunächst der platonischen Idee, den grössten ästhetischen Ge- 
halt, welcher möglich ist, indem hier das höchste Wohlgefallen durch 
ist in der Totalität 
3 
integrierendes Glied 
"weil jede ein 
I) XVährend Vischer sagt: 
der Ideen." 
Alt, System der Künste.
        

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