Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375171
32 n. DIE SCHÖNHEIT. 
Die besprochenen Verschiedenheiten an der platonischen Idee 
ruhen stets noch auf der Voraussetzung der einen Gattungsiclee. Von 
höchster Wichtigkeit für die Ästhetik ist aber nun die Möglichkeit, 
unter der Voraussetzung bestimmter Sonderzwecke die ihnen ent- 
sprechenden Erscheinungen gleichfalls schön zu finden. Dadurch treten 
wir in das Gebiet der konkreten Idee ein, und das Schönfinden lässt 
sich nunmehr nicht anders erklären als durch das Bereitliegen jener 
Voraussetzungen in unserem Bewusstsein in Verbindung mit dem 
Realitätsprinzip. So allein können neben Aphrodite Hera und Pallas 
entstehen: sie sind schon konkrete Ideen, deren charakteristische Eigen- 
tümlichkeiten mit Rücksicht auf eine im Voraus angenommene Vor- 
Stellung betrachtet werden. Die Eigenthümlichkeiten sind objektive 
Abweichungen von der platonischen Idee. Der Künstler, welcher die 
Pallas nicht minder wie Aphrodite als Göttin, dennoch aber beide ver- 
schieden bilden soll, wäre vollkommen ratlos, wenn er nicht von der 
Gattungsidee des Weibes bei der Aphrodite zu Gunsten entgegen- 
kommenden Liebreizes, bei der Pallas zu Gunsten einer gewissen 
Antlitz überwiegt die nachher zu besprechende bloss formelle Schönheit, neben 
welcher die seelische Schönheit wirkt, aber bei weitem nicht in solchem Umfang, 
wie man nach den Ausführungen SchilleiJs annehmen müsste. Thatsache ist aber nun, 
dass viele Menschen in der einen oder anderen Beziehung für Schönheit mehr oder 
weniger unempfänglich, stumpf, sind und insbesondere durchaus nicht dem Gefühl 
der Zweckmässigkeit nach urteilen. So findet der Chinese den verkrüppelten Fuss 
seiner Dame schön und die Chinesin den dicken Bauch beim Manne; beides sind 
vollkommen zweckwidrige Bildungen. Allein man muss annehmen, dass hier kon- 
ventionelle Erwägungen des Verstandes die Natur unterdrückt haben (der Begriff des 
Reichtums, des Ansehens), dass Gewöhnung und Vererbung derselben dieses Urteil 
zu einem feststehenden und allgemeinen Geschmacksurteil der Rasse machten. 
Anders verhält es sich mit dem unveräusserlichen Typus der Rasse. Van mag das 
Wohlgefallen an einer inferioren Rasse, wie es bei ihren Angehörigen stattfindet, 
aus der kantischen Norrnalidee erklären; richtiger aber dürfte es sein, eine Vorliebe 
für die eigene Art und für die Eigentümlichkeiten der eigenen Erscheinung anzu- 
nehmen. Gerade umgekehrt wirkt aber ferner oftmals ein subjektives Ziveckmässig- 
keitsgefühl, welches dem Willen (nach Schopenhauei-"s Auffassung verstanden) ange- 
hört und darum nicht ästhetisch ist: das Gefühl einer Ergänzung der eigenen Mängel 
durch ein dem anderen Geschlecht angehörendes Individuum mit Rücksicht auf Ver- 
edelung der Gattung  der eigentliche, ebenso häufig wirksame wie naheliegende 
Grundirrtum in der ästhetischen Betrachtung ("Liebe ist blind"). Gewöhnung ist 
unter allen Umständen ein wirksamer Faktor der Umbildung und Verbildung des 
Geschmacksurteils. So CrSChiCnen den Alten nach Lysippos die Bildwerke des 
Polyklet vielleicht als untersetzt (das "quadratum" des Varro würde in dem Fall in 
der That "vierschrötig" bedeuten; vergl. aber Overbeck, Gesch. der griech. Plastik, 
2. Aufl. II. Teil S. 352). Der Apollo von Belvedere ist ein Typus der ersten Barock- 
zeit der Kunst.
        

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