Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375161
DIE VERSCHIEDENEN BEZlEI-IUNGEN DER SCHÖNHEIT. 
begriff entspricht, zusammen. Aber auch nur das organisch Schöne, 
und alle anderen Beziehungen der Schönheit haben mit der 
platonischen Idee gar nichts zu schaffen. Der wahre Grund 
dieses Zusamxnenfallens ist allein der, dass auch die Be- 
griffe, welche Gattungen bezeichnen, auf deren Zweck be- 
gründet sind. I) Der Begriff "Mann" oder "Weib" z. B. entscheidet 
nur dadurch über die Schönheit, dass er den absoluten Zweck der 
Geschlechter bezeichnet. 
Es erhebt sich nun die Frage, wie es denn möglich sei, dass wir 
verschiedene Individuen derselben Gattung organisch schön finden, ob- 
gleich es innerhalb einer Gattung (d. h. also bei Voraussetzung der- 
selben Existenzzwecke) nur eine einzige Vorstellung vollkommener 
Zweckmassigkeit giebt. 
Zuerst kommt dabei in Betracht, dass wir schon zufrieden sein 
dürfen und sind, wenn die organische Schönheit auch nur annähernd 
erreicht ist. Was ihr fehlt, das wird teils ersetzt durch den Ausdruck 
seelischer Schönheiten, teils durch den Stil, d. h. eine Gesetzmässigkeit 
der Formen, Welche in jedem Falle wenigstens das Schönheitsmoment 
der Einheit erbringt; im "Antlitz hat ausserdem das Individuelle einen 
weiten Spielraum, weil hier das organisch Schöne nicht die hervor- 
ragende Bedeutung hat, wie im Körper. Damit haben wir objektive 
Abweichungen von der Idee und Änderungen an derselben zugegeben. 
Es giebt aber ausserdem Abweichungen von der Idee, welche als 
subjektive bezeichnet werden müssen; es sind diejenigen, welche unter 
dem Einfluss des subjektiven Ideals entstehen oder vielmehr dieses 
selbst darstellen. So anerkennen wir z. B. ein germanisches Schön- 
heitsideal des Weibes neben dem griechischen (welches freilich äusserst 
wenig Abweichungen von dem letzteren und wohl nur objektiv zu- 
lässige von der Idee zeigt). 
Soviel, was die Gattungsidee selbst betnfft. Es ist einleuchtend, 
dass die Kombination der abweichenden Bestandteile die Möglichkeit 
einer ziemlich grossen Anzahl von verschiedenen schönen Individuen 
in einer und derselben Gattung eröffnet. Von so weitgehender Schärfe 
und so stabil ist das Gefühl für die objektive und absolute Zweck- 
rnässigkeit auch bei dem F einfühligsten unter uns nicht, dass wir nicht 
solche Differenzen gestatten müssten; und bei jedem wird schliesslich 
ein Rest der subjektiven, transscendentalen Idee in die objektive Idee 
hereinspielen, zumal wir auch das Interesse der Abwechslung haben?) 
1) Kant sagt: „Der Zweck ist Begriff einer Sache, insofern dieser zugleich den 
Grund ihrer Wirklichkeit in sich trägt." (Einleitung IV, Abs. 4 a. a. Q). 
2) Das organisch Schöne beherrscht im Wesentlichen nur den Körper, im
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.