Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375148
DIE VERSCHIEDENEN BEZIEHUNGEN DER SCHÖNHEIT. 
Ist der Gegenstand ein organischer Körper, so besteht seine Schönheit 
in der Vollkommenheit, mit weicher er das ihm eigentümliche Wesen 
erfüllt, d. h. nichts anderes als: in der Zweckmässigkeit des 
Organismus für die vorauszusetzenden Aufgaben seiner 
Existenz und der Bestandteile desselben für die letztereß) 
Sie lässt sich daher bezeichnen als das organisch Schöne, und die 
Körper aller Lebewesen, deren Nachahmungen sowie die Werke der 
Architektur und Redekunst werden in dieser Hinsicht ästhetisch beurteilt. 
Hier liegt erstmals Schönheit im engeren Sinn des Worts vor. Die- 
selbe ist mehr als sinnlicher Natur; aber sie wird nicht durch den 
Verstand erfasst, noch kann die richtige Empfindung für sie durch 
letzteren erbracht werden; sondern sie beruht auf einem unmittel- 
baren Gefühl (der Zweckmässigkeity) 
Die Zweckmässigkeit ist stets eine absolute, d. h. auch ein Plus 
im Verhältnis von Kraft zur Last u. s. w. darf nicht vorliegen, so 
I) Also nicht bloss der „innere Zweck" kommt in Betracht, wie v. Hartmann 
anzunehmen scheint, sondern der innere Zweck, oder besser die inneren Zwecke 
werden durch den äusseren, den ganzen Existenzgrund eines Dinges durchaus be- 
stimmt. Daher spricht Schiller (vergl. dessen Abhandlung „Über Anmut und Würde", 
Abs. 26) von einem System der Zwecke, „so wie sie sich untereinander zum 
obersten Endzweck vereinigen." 
2) Dieser Umstand drückt sich aus in der Kantischen Detinition: "Schönheit ist 
Form der Zweckmässigkeit eines Gegenstandes, insofern sie ohne Vorstellung eines 
Zweckes an ihm wahrgenommen wird", welche mithin unsere materielle Bestimmung 
des organisch Schönen durchaus bestätigt. Dasselbe geschieht durch Schillers Aus- 
führung in dem citierten Aufsatz; er nennt das organisch Schöne passend „architek- 
tonisch Schönes" und sagt darüber folgendes: „Die architektonische Schönheit der 
menschlichen Bildung muss von der technischen Vollkommenheit derselben wohl 
unterschieden werden. Unter der Letzteren hat man das System der Zwecke selbst 
Zu verstehen."  Das anschauende Vermögen aber "hält sich einzig nur .an die Art 
des Erscheinens, ohne auf die logische Beschaffenheit seines Objektes die geringste 
Rücksicht zu nehmen. Ob also gleich die architektonische Schönheit des mensch- 
lichen Baues durch den Begriff, der demselben zu Grunde liegt, und durch die 
Zwecke bedingt ist, welche die Natur mit ihm beabsichtigt, so isoliert doch das 
ästhetische Urteil sie völlig von diesen Zwecken,  „Der Sinn, weiss man, hält 
sich nur an das Unmittelbare, und für ihn ist es also gerade so viel, als wenn sie 
ein ganz unabhängiger Natureffekt wäre." Also: wir empfinden die organische 
Schönheit, ohne uns irgendwie den Zweck vorzustellen; erst nachträglich giebt uns 
Erfahrung und Verstand davon Rechenschaft, dass das Schöne auch das Zweckmässige 
iSt, oder, um in Schiller's Ausdrucksweise zu sprechen, dass die architektonische Schön- 
heit der technischen Vollkommenheit gleich ist. Darin erweist sich die ihrer Natur 
nach mysteriöse Thatsache, welche aber für die Kritik des ästhetischen Urteils 
leicht von höchster YViehtigkeit sein dürfte  dass die unmittelbare Anschauung 
selbst mit der Logik übereinstimmt, ohne irgendwie durch sie bestimmt zu werden.
        

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