Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375083
DIE AUS DER THATSACHE DER NACHAHMUNG FOLGENDEN KUNSTPRINZIPIEN. 
Indessen ist es nicht jedem Menschen leicht, sich in diesen Zustand 
zu versetzen, und gegenüber völlig naturalistischen Bildern besteht 
überhaupt grosse Gefahr, dass eine Täuschung eintrete, welche mit 
der notwendigen abstossenden Folge der Enttäuschung, des Erkennens 
der Lüge oder einer bis dahin bestehenden Unfreiheit auf Seite des 
Beschauers, verknüpft ist. Daher versehen wir die Bilder in verschie- 
denen Fällen mit einem objektiven Ausdruck der Nichtwirklichkeit. 
Das wichtigste derartige negative Moment ist die Stilisirung, 
welche nach dem vorhin Gesagten von der Idealisierung, der Ver- 
schönerung, scharf unterschieden werden mussf) Dieselbe Wirkung 
aber haben notwendig auch jene vorhin genannten Ab- 
straktionen. 
Das negative Moment verkörpert objektiv den in jedem Bilde 
liegenden Widerspruch, dass es nicht ein Naturgegenstand ist, sondern 
das blosse Bild eines solchen. Wir sollen das allgemeine Bewusstsein 
haben, dass wir uns doch nur in einem Bilde über die gotterschaffene 
Schein", "Ohrenschein", „Phantasieschein"). Bei der Untersuchung der speziellen 
Darstellungsformen spielt diese allgemeine Thatsache keine Rolle mehr. 
XVenn Hegel die ästhetische Berechtigung des Naturschönen leugnete, so verfuhr 
er dabei nur konsequent, weil er es für eine wesentliche Aufgabe der Kunst ansah, 
dass sie Gedanken ausspreche. Denn die Natur überlässt es uns, über das Schöne, 
welches sie uns vor Augen stellt, zu denken, was wir können. Allein auch dem 
NVesen der Kunst ist die Reflexion durchaus fremd oder vielmehr entgegengesetzt, 
und sie verfahrt insofern gerade wie die Natur; nur beiläufig vermag sie zu reflek- 
tieren oder zu philosophieren. Es liegt aber nahe, jene Forderung Hegels auszulegen, 
dass das Kunstschöne dadurch über dem Naturschönen stehe, dass es den Gedanken 
einer künstlerischen Subjektivität darstelle. Allein wir werden noch Gelegenheit 
haben darzulegen, dass uns der Künstler ästhetisch nichts angeht neben seinem 
Werke, und übrigens steht auch hinter dem Natur-schönen ein Künstler. WVenn Hegel 
ausführt, das Naturschöne sei nicht frei von der allgemeinen gegenseitigen Abhängig- 
keit der wirklichen Dinge, wie das Kunstwerk, so ist es doch nur eine praktische 
Frage, ob der Beschauer nicht diese Freiheit bei der Anschauung zu gewinnen ver- 
mag, und sehr fraglich, ob denn die Unfreiheit überhaupt jedesmal erscheint. Dass 
man endlich nichts ausrichtet, wenn man sagt, das Naturschöne sei niemals voll- 
kommen schön, liegt wohl auf der Hand. 
1) Ich habe diese wichtige Erscheinung in der angeführten Arbeit (S. 5-22), 
Wenn auch nicht fehlerfrei, beschrieben und theoretisch erörtert. Jene Arbeit zeigt 
einige nicht unerhebliche Mängel, welche ich hier zu beseitigen hoffe, während 
sie in den mir bekannt gewordenen Rezensionen keine Beachtung gefunden haben. 
In einer derselben wird die Bezeichnung „negatives Moment" getadelt. Der Rezen- 
Seht scheint jedoch nicht in der Lage gewesen zu sein einen besseren vorzuschlagen, 
den ich, entsprechend meiner Auffassung, dass ein Name nichts zur Sache thut, 
gerne benützen würde. Indessen habe ich wohl eine gewisse Berechtigung, der 
Sache, welche ich erstmals aufgedeckt habe, auch ihren Namen zu geben.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.