Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375075
DIE NACHAHMUNG. 
dere der Malerei, hängt die Möglichkeit der Täuschung mit der besten 
Nachahmung häufig als eine naheliegende Folge zusammen, weil die 
Malerei von Hause aus eine naturalistische Darstellungsform ist und 
infolgedessen aus dem Grade der Illusion sogar thatsächlich ein Rück- 
schluss auf die Güte des hier in Betracht kommenden Teils der künst- 
lerischen Leistung gezogen werden kann. 
Indessen gehört Nachahmung, nicht Täuschung zum Wesen der 
nachahmenden Kunst, und zwischen beiden liegt eine scharfe Grenze, 
welche desshalb nicht minder unübersteiglich ist, weil sie so schmal 
erscheint. Die Täuschung ist im Begriff der Nachahmung keineswegs 
enthalten; sie kann eine Folge der Nachahmung sein, aber sie ist nicht 
ihr Ziel; jener Begriff ist tendenziös in einer Beziehung, in Welcher 
dieser vollkommen indifferent ist. Es kann daher keineswegs darauf 
ankommen, ob der angeschaute Gegenstand ein wirklicher, lebendiger, 
oder ein künstlich erzeugter ist: auch wenn ich den Naturgegen- 
stand ästhetisch betrachten will, darf ich ihn bloss an- 
schauen und er ist insofern nicht mehr als Schein. Daraus, 
folgt, dass die Gemütsverfassung der reinen Anschauung, 
welche allein den echten ästhetischen Genuss gewährt, ganz auf 
subjektiverSeite erzielt werden muss und die Beschaffenheit 
des objektiven Substrats als wirklich oder nichtwirklich dafür in keiner 
Weise ausschlaggebend ist. Und wenn die Schönheit einer Erscheinung 
empfunden wird, so ist es völlig einerlei, ob ich dieselbe an einem 
Bild oder an einem Naturgegenstand erblickef) 
I) Indem manche annehmen, dass zwischen dem Naturschönen und dem Kunst- 
schönen ein wesentlicher Unterschied bestehe, verwechseln sie die Beschaffenheit 
des ästhetischen Urteils mit der Beschaffenheit der Objekte, auf welche es gerichtet 
ist. Schiller dagegen sagt a. a. O.: „Es ist gar nicht nötig, dass der Gegenstand, 
an dem wir den schönen Schein finden, ohne Realität sei, wenn nur unser Urteil 
darüber auf diese Realität keine Rücksicht nimmt." Ebenso sagt Kant eimnal (Kritik 
der ästh. Urteilskraft S 45 Abs. z): „W'ir können allgemein sagen, es mag die Natur- 
oder Kunstschönheit betreffen: schön ist, was in der blossen Beurteilung gefallt"  
und stellt also beide gleich. Gottfried Semper spricht aus („der Stil" 2. Anti. 
München 1873, I. S. XXII), dass der Kunstgenuss vom ästhetischen Naturgenuss 
prinzipiell nicht verschieden sei. Moritz Carriere tritt (vergl. dessen Ästhetik 3. Aufl. 
Leipzig 1885, I. S. 289 ff.) für das Naturschöne auf seine Weise kräftig ein. Auch 
v. Hartmann anerkennt die volle ästhetische Berechtigung desselben. Wenn es nun 
aber einmal ganz allgemein feststeht, dass eine Sache, sie mag durch die Kunst oder 
durch die Natur hervorgebracht sein, als blosse Erscheinung angeschaut werden 
muss, falls sie ästhetisch betrachtet werden soll, so ist es von da an nicht mehr 
notwendig, jede einzelne Darstellungsform der Kunst als eine besondere Art von 
Schein zu bezeichnen, wie dies v. Hartmann thut. (Er spricht _von „malerischem
        

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