Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375049
DIE AUS DER THATSACHE DER NACHAHMUNG FOLGENDEN KUNSTPRINZIPIEN. 
Was die Nachahmung anlangt, so zeigt sich, dass jeweils auf 
irgend einem Bestandteil des ganzen Gegenstandes der Anschauung 
das Hauptgewicht derselben zu liegen pflegt, z. B. bei der Vorstellung 
des rasenden Aiax auf der Raserei; und dieses Moment der Erschei- 
nung ist demnach das eigentliche Ziel der Darstellung, auf welches 
sich das Prinzip des Realismus bezieht. Allein die sinnliche Erschei- 
nung ist zusammengesetzt aus allen ihren Bestandteilen, wie sie der 
Naturgegenstand zeigt oder zeigen würde, und wenn wir bei der künst- 
lcrischen Darstellung auf die Wiedergabe derjenigen Bestandteile ver- 
zichten wollen, welche nicht das Centrum der Darstellung selbst aus- 
machen, so kann dies nur geschehen auf dem Wege einer Abstraktion, 
Welche sich nicht in blosser sinnlicher Anschauung, sondern nur mit 
Hilfe der Begriffsthätigkeit vollziehen lässt. 
Das Prinzip, welches der Forderung einer vollständigen Wieder- 
gabe aller Bestandteile der sinnlichen Erscheinung zu Grunde liegt, 
nenne ich unter Benutzung eines noch nicht ganz abgeklärten Sprach- 
gebrauchs dasjenige des Naturalismus im Gegensatz zu demjenigen 
des Realismus, welches die möglichst deutliche Erscheinung des 
eigentlichen Gegenstandes im Bilde verlangt?) 
Die "Idee" bestimmt sich nun als dasjenige, worauf 
sich das Prinzip des Realismus bezieht, und das Dasein oder 
Fehlen von anderen Momenten der Erscheinung ist für das Bild 
in eben dem Grade von geringerer Bedeutung, in welchem sie weniger 
eine Bedingung der Erscheinung jenes Centrums der Darstellung bilden. 
Während aber der Realismus ein zwingendes Kunstprinzip ist, hat der 
Naturalismus keineswegs die gleiche Bedeutung. Denn Abstraktionen 
VOn gewissen Bestandteilen der Erscheinung können eben 
vollzogen und es kann ein solcher Bestandteil für sich 
allein zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden, 
Wie die körperliche Form ohne die Farbe. 
Darüber, welche naturalistischen Bestandteile der Erscheinungen 
keinen realistischen Wert haben, kann nichts vorausgesagt werden, 
ehe wir die konkrete Idee kennen, Es entscheidet sich nicht in all- 
sein; das können wir hier dahingestellt sein lassen. Aber auch in diesem Fall wäre 
er ES nicht wegen des Mangels grosser Gedanken in seinen Werken. 
I) In meiner Schrift über „die Grenzen der Kunst und die Bnntfarbigkeit der 
Antike" (Berlin 1886) habe ich diese Unterscheidung noch nicht gemacht. Ich stehe 
nicht an zuzugeben, dass gerade sie für die Fragen, welche sie berühren, von höchster 
Wichtigkeit ist. An den beabsichtigten Resultaten jener Schrift ist dadurch nichts 
geändert. Schopenhauer wurde zu seiner falschen Begründung des Urteils über die 
Wachsfigur durch dieselbe Ungenauigkeit veranlasst. 
2a:
        

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